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Values 4/2003 Die Schule des Glücks Ein besonders sonniges Gemüt haben wir Deutschen ohnehin nicht. Auch vor fünf Jahren, als die Wirtschaft noch brummte, nannten sich nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach lediglich drei von zehn Deutschen glücklich. Und nur etwas mehr als die Hälfte der Befragten war mit ihrem Leben „im Allgemeinen zufrieden“. Heute schlagen die unsicheren Zeiten zusätzlich aufs Gemüt: Menschen, die ihre Arbeit verloren haben, kämpfen mit dem Sinn des Lebens. Diejenigen, die in Lohn und Brot stehen, hadern mit Überstunden und dem drohenden Jobverlust. Da verwundert es nicht, dass derzeit das Thema „Glück“ ganz besonders aktuell ist. Jedes große Magazin berichtete in jüngster Zeit über das wohlige Gefühl, das so vielen Deutschen zu fehlen scheint. Der Dalai Lama schrieb darüber in der Bild-Zeitung. Und das Buch „Die Glücksformel“ des Journalisten Stefan Klein erklomm die Bestsellerlisten. Der erste Trost lässt in diesen Artikeln und Büchern nicht lange auf sich warten. So belegt die aktuelle Glücksforschung, was der Volksmund schon lange sagt. Nämlich, dass Geld allein nicht glücklich macht. Nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler erzeugt mehr Geld lediglich am unteren Ende der Einkommensskala ein deutliches Plus an Zufriedenheit. „Ein paar Hunderter oder gar ein paar Tausender mehr auf dem Gehaltszettel zu haben, ist so ähnlich als würde man statt Champagner Jahrgangschampagner trinken“, schreibt Stefan Klein, der in seinem Buch die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Glück zusammenfasst. Selbst bei Superreichen zeigt Geld kaum messbare Wirkung. Jeder der 50 reichsten Amerikaner, die der Psychologe Ed Diener interviewte besitzt mehr als 100 Millionen Dollar – doch wie Diener herausfand, liegt die Lebenszufriedenheit dieser Menschen nur wenig über dem Durchschnitt. Aber nicht nur diejenigen, die im schnöden Mammon ihr Seelenheil suchen, liegen falsch. Auch Menschen, die sich als ewige Pechvögel betrachten, machen sich nach einer aktuellen britischen Studie etwas vor. „Ob Glückspilz oder Pechvogel, beide glauben, dass ihr Leben vom Schicksal bestimmt wird“, sagt der Leiter der Studie, der Psychologe Richard Wiseman von der Universität Hertfordshire. Dies sei jedoch alles nur Einbildung. Das Glück bevorzuge keine der beiden Gruppen. Die vermeintlichen Glückspilze haben lediglich gelernt, die guten Aspekte des Lebens in den Vordergrund zu stellen und leben damit deutlich zufriedener. Sogar schwere Schicksalsschläge haben weniger mit dem Gemütszustand zu tun, als man meinen möchte. Eine Untersuchung über die Zufriedenheit von Lottogewinnern und Querschnittsgelähmten, die inzwischen als Klassiker der Sozialforschung gilt, zeigt: Zwar gehen in den ersten Wochen die frisch gebackenen Millionäre wie auf Wolken und die Unfallopfer betrauern ihre eingeschränkte Bewegungsfreiheit. Doch dann scheint alles wie gehabt: Lottogewinner sind nicht viel glücklicher als der Durchschnitt, Querschnittsgelähmte kaum unglücklicher. Ebenso erstaunlich: Für die Erfolge von Sonntagskindern gibt es laut Wiseman meist ganz einfache Erklärungen. Sie gewinnen bei Glücksspielen häufiger, weil sie sich auch häufiger daran beteiligen. Sie bekommen öfter Hilfe von anderen Menschen, weil sie offener auf sie zu gehen. So sind sich mittlerweile viele Wissenschaftler mit Buddhisten, Christen und alten Philosophen wie Aristoteles und Konfuzius einig: Glücksgefühle sind kein Zufall, sondern die Folge der richtigen Gedanken und Handlungen. Und die lassen sich lernen und trainieren – entgegen der weit verbreiteten Auffassung auch noch bis ins hohe Erwachsenenalter. So entwickelte Wiseman eine „Schule des Glücks“. Seine Probanden trainierten ihre Fähigkeit zum positiven Denken etwa, indem sie jeden Tag aufschrieben, welche Ereignisse ein Grund zur Freude waren. Allein durch das Führen des Glückstagebuch wurde die Liste von Tag zu Tag länger. Eine andere Übung ist, sich das Glück vorzustellen: Wer ein Ziel erreichen möchte, sollte sich den Erfolg zuvor bildlich ausmalen und vor seinem inneren Auge erfolgreich handeln. Eine Methode übrigens, die Spitzensportler schon lange praktizieren und die auch von Managern immer häufiger angewendet wird. Wer den festen Willen habe, nach den Glücks-Strategien in seinem Buch „So machen Sie Ihr Glück“ zu handeln, sagt Wisemann, werde auch Erfolg haben – sie funktionierten selbst bei Menschen, die unter Depressionen leiden. Auch Beschäftigungen kann man anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse danach aussuchen, ob sie Wohlgefühle hervorbringen oder nicht: So beschreibt der Glücksforscher Mihaly Csikzentmihalyi in seinem Klassiker „Flow“ die Merkmale einer Tätigkeit, die Glück verspricht: Sie sollte um ihrer selbst Willen ausgeführt werden und die gesamte Aufmerksamkeit erfordern. Ihr Schwierigkeitsgrad ist so hoch, dass der Betreffende gerade noch ein positives Ergebnis erzielt. Unterforderung wie auch Überforderung stehen einer glücksbringenden Tätigkeit im Weg. Viele der Testpersonen, die Cziksentmihalyi befragte hatten Glückserlebnisse beim Sport, beim Musizieren, aber auch in ihrem Beruf. Die Erkenntnisse des Forschers jedoch lassen sich auch noch auf eine andere Weise einsetzen. So liegt ein Schlüssel zum Wohlbefinden darin, sich auf die Tätigkeit, die man gerade verrichtet, zu konzentrieren und zu versuchen, die erzielten Ergebnisse ständig zu verbessern. So können sogar ungeliebte Tätigkeiten wie Geschirr spülen oder die Arbeit am Fließband zu einer erfüllenden Beschäftigung werden. Außerdem gilt es laut Cziksentmihalyi genau zu beobachten, welche Beschäftigung besondere Glücksgefühle erzeugt und sich nicht allein von gesellschaftlichen Diktaten leiten zu lassen. Für den Forscher wäre es nahezu verwunderlich, wenn ein Mensch dann nicht erkennen würde, dass ein Gespräch mit einem zweijährigen Kind mehr Freude bringt als eine Partie Golf mit dem Chef.
Bücher zum Thema: Richard Wiseman, So machen Sie Ihr Glück. Wie Sie mit einfachen Strategien zum Glückspilz werden, Mosaik 2003 Dalai Lama, Der Weg zum Glück. Sinn im Leben finden, Herder 2002 Stefan Klein, Die Glücksformel. Oder wie die guten Gefühle entstehen, Rowohlt 2002 Mihaly Csikzentmihalyi, Flow. Das Geheimnis des Glücks, Klett-Cotta 1990
Glücks-KillerSelten sind sich Psychologen, Philosophen und Geistliche – zumindest in den Grundsätzen – so einig wie beim Thema Glück. Das gilt besonders für die Verhaltensweisen, die man am besten sofort ablegen sollte. Dampf ablassen: Nach anderen schielen: Müßiggang: Falsche Erwartungen: Rückzug: ANDREA BITTELMEYER
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