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Values 3/2003 Das Geheimnis der Supersenioren „Ich tu nix dazu – ich lebe nur“, sagt der bekannte österreichische Heimatfilm-Regisseur Franz Antel, der jüngst seinen 90sten Geburtstag feierte. Damit ist er ein Paradebeispiel für die von vielen Forschern, Ärzten und Therapeuten bestätigte Regel: Ein hohes Alter erreicht, wer sich von dem Geburtsdatum in seinem Personalausweis nicht beeindrucken lässt. Ein kleiner Ort in Süditalien steht Kopf. Italiens Boygroup „Numero Uno“ hat ihren Auftritt angekündigt. Die weibliche Bevölkerung lässt vor Aufregung die Wäsche fallen, die sie gerade aufhängt oder malt beim Kochen Herzchen auf ein Holzbrett. Bei der Vorstellung am Abend schließlich geraten die temperamentvollen Süditalienerinnen so außer sich, dass sie ihre Unterwäsche auf die Bühne werfen. So weit, so normal. Der Clou an der Geschichte aber ist: Die jüngste Konzert-Besucherin ist längst kein Teenager mehr. Sie dürfte im Gegenteil die 70 weit überschritten haben. Und auch die Jungs, die auf der Bühne verführerisch mit den Hüften kreisen, entpuppen sich als recht betagte Herren, die längst kein makelloses Zahnpasta-Lächeln mehr vorzuweisen haben. Auch wenn dieser liebenswerte Werbespot für das Olivenöl der Marke Bertolli ein wenig überzogen sein mag. Ein Körnchen Wahrheit steckt auf jeden Fall darin. Denn bereits ein Blick in die Nachbarschaft und die jüngsten Erkenntnisse der Altersforschung zeigt: Das Bild vom inaktiven Pensionär, trifft für einen Großteil der betagten Bevölkerung nicht mehr zu. Noch mit über 80 Jahren gehören heute viele zu den so genannten jungen Alten, die sich in einer überraschend guten körperlichen und psychischen Verfassung befinden Â- die verreisen, ihre Hobbies pflegen und sich über die Freiheiten des Rentnerdaseins freuen. Dabei steigt die Aussicht auf ein hohes Alter ständig. Laut neuesten Schätzungen des Statistischen Bundesamts könnte sich die Wahrscheinlichkeit, 90 Jahre alt zu werden, bis zum Jahr 2050 für Frauen mehr als verdoppeln, für Männer sogar mehr als verdreifachen. Das bringt für die heute unter Vierzigjährigen neben der Chance, noch lange Jahre fröhlich und aktiv zu sein, auch ein Risiko. Denn: Wer für die Lebenszeit nach dem Austritt aus dem Berufsleben nicht finanziell vorsorgt, wird später laut der bayerischen HypoVereinsbank wohl allein aus Geldmangel das Leben nicht uneingeschränkt genießen können. Für die Geldfrage gibt es die private Altersvorsorge (siehe Kasten unten). Was das körperliche Wohlbefinden betrifft, vermittelt der Werbespot mit den fröhlichen Omas und Opas eine weitere wichtige Botschaft: Die ausgelassenen Süditaliener lassen sich von ihrem Alter nicht beeindrucken und beherzigen damit eines der wichtigsten Rezepte für ein langes Leben. So belegt eine Studie der Yale Universität in Connecticut, dass Menschen mit einer positiven Einstellung zum Älter werden im Durchschnitt 7,5 Jahre länger leben als die Vergleichsgruppe. Die Psychotherapeutin und Buchautorin Doris Wolf fügt hinzu: „Es gibt junge Menschen, die in ihren Verhaltensweisen uralt sind. Und es gibt Menschen, die weit über 80 Jahre alt sind und vor Vitalität nur so strotzen“. Wie jung man sich fühlt, sei eine Frage der Lebenseinstellung und nicht der Lebensjahre. Franz Antel, der ebenso bekannte wie betagte österreichische Heimatfilmregisseur erklärt - von einem Film-Magazin nach seinem Geheimnis für das Alt werden befragt: „Ich tu nix dazu – ich lebe nur“. Dabei ist der bis heute aktive Filmemacher selbst ein bisschen überrascht über sich: „Wenn ich sage, ich bin 90, denke ich immer, das gibt es nicht. In meiner Kindheit war ein 60jähriger ein Großvater. Ich habe mit 60 Jahren noch drei Freundinnen gehabt“. Der zudem leidenschaftlich kochende und fußballspielende Antel ist längst nicht das einzige Beispiel für ein erfülltes Leben jenseits der Klischees vom passiven Rentner-Dasein: Ingvar Kamprad, Erfinder der beliebten Möbel zum Zusammenschrauben, flitzt noch im Alter von 76 Jahren durch die unzähligen Ikea-Filialen in der ganzen Welt. Der Chef der amerikanischen Notenbank, Alan Greenspan, denkt mit 77 Jahren noch nicht wirklich an seinen Rücktritt. Regelmäßig spielt er Tennis und witzelt: „Wenn es so weiter geht, gewinne ich im Jahr 2008 Wimbledon“. Und der Astronaut John Glenn flog mit 77 Jahren an Bord der Discovery in den Weltraum. Das Deutsche Ärzteblatt befasste sich bereits vor einigen Jahren mit noch weit betagteren Menschen, den so genannten Supersenioren – was nichts anderes heißt, als über hundert Jahre alt zu werden. Das Fazit: Supersenioren sind aktive Menschen, die ihrer Umwelt gegenüber entspannt, selbstbewusst und eher dominant auftreten. Das darf sogar extreme Züge annehmen. So bescheinigte ein britischer Psychologe namens David Weeks, der ein Buch über Exzentriker verfasste, diesen Sonderlingen eine bessere Gesundheit als der Normalbevölkerung. Der Grund: Sie sind mit sich selbst im Reinen und lassen sich von der Meinung anderer nicht aus der Ruhe bringen. Waschechte Exzentriker sind selten. Unter 10 000 Menschen findet sich im Schnitt nur einer. Dass aber bereits eine ordentliche Portion Eigensinn ein langes Leben verspricht, zeigte nicht zuletzt Queen Mum: Die Königin Mutter, im vergangenen Jahr mit 101 Jahren gestorben, liebten die Engländer nicht zuletzt aufgrund ihrer zahlreichen Marotten: Sie verprasste Unsummen für Pferderennen und ihre Hundezucht. Zudem provozierte sie bis ins hohe Alter mit ihren gewagten Hut-Kreationen. Bekannt war die alte Dame jedoch auch noch für eine andere Angewohnheit: Sie genehmigte sich jeden Abend ein Gläschen Gin – gemunkelt wird, dass es durchaus mehr werden konnte. Auch damit ist sie kein Einzelfall. Mehrere Untersuchungen zeigen, dass viele sehr alte Menschen täglich Alkohol konsumieren – die meisten von ihnen allerdings in kleinen Mengen. Ob das maßvolle Trinken nun sogar gesund ist oder nicht – darüber streiten die Experten bis heute. Als erwiesen hingegen gilt, dass eine gesunde Lebensführung die Wahrscheinlichkeit sehr alt zu werden, erhöht. Studien belegen immer wieder, dass hundertjährige Menschen in der Regel nicht rauchen, körperlich aktiv und nicht übergewichtig sind. Ihre Ernährung ist meist mediterran. Dabei trägt neben Obst und Gemüse auch das Olivenöl seinen Teil zur Fitness im hohen Alter bei (siehe Kasten). Das wiederum erinnert an den Werbespot der Firma Bertolli, indem sich die betagten Italiener und Italienerinnen ausgezeichnet amüsieren. Das fröhliche Filmchen ist aber längst nicht das einzige Indiz dafür, dass die Menschen im Süden im Alter länger Spaß haben. Es gibt noch ein viel handfesteres: die Bevölkerungsstruktur in Sardinien. Nirgendwo leben mehr über Hundertjährige als auf der italienischen Insel, wie die medizinische Fakultät der dortigen Universität berichtet. Von einer Million Einwohner seien durchschnittlich 135 mehr als 100 Jahre alt, in Ländern wie Groß Britannien und Dänemark gerade mal 70 bis 80.
Von den Hundertjährigen lernen Die Hundertjährigen lassen sich ebenso wenig über einen Kamm scheren, wie alle anderen Altersgruppen auch. Dennoch gibt es bewährte Lebensgewohnheiten der Supersenioren, die in den verschiedenen Studien zum Älter werden immer wieder auftauchen: Bewegung: Menschen, die sich ausreichend bewegen, haben eine größere Chance auf ein langes und gesundes Leben. Dabei muss es nicht gleich ein Marathonlauf sein. Positive Auswirkungen erzielt schon, wer mehrmals täglich die Treppe in den dritten Stock nimmt oder zwei Kilometer täglich zur Arbeit geht. Noch besser ist natürlich Sport - egal ob Tanzen, Tennis spielen oder Schwimmen. Wichtig dabei: Die Bewegung darf nicht als lästig empfunden werden, sondern soll Spaß machen. Ernährung: Gute Nachrichten für alle, die im Urlaub in Italien vom Essen schwärmen: Als förderlich für ein langes Leben hat sich eine mediterrane Ernährung herausgestellt. Das bedeutet: Auf dem Speiseplan stehen viel Gemüse und Vollkornprodukte sowie Fisch. Fett wird hauptsächlich in Form von Oliven- oder Rapsöl verwendet. Genussmittel: Alkohol in kleinen Mengen scheint der Gesundheit nicht allzu abträglich zu sein. Einige Studien wollen sogar eine gesundheitsfördernde Wirkung von bis zu 25 Gramm Alkohol täglich belegen. Für das Rauchen hingegen gibt es keine Entschuldigung. Wer qualmt, schadet seiner Gesundheit. Zum Aufhören ist es aber nie zu spät. Lebenseinstellung:Fröhlich lebt am längsten. Die besten Aussichten auf ein hohes Alter haben diejenigen, die sich von der Anzahl ihrer Lebensjahre nicht beeindrucken lassen und weiterhin tun, was ihnen Spaß macht. Insgesamt verlängert eine optimistische Einstellung die Lebenserwartung und ein bisschen Eigensinn kann auch nicht schaden.
Methusalem mit Sorgenfalten Methusalem wurde 969 Jahre alt. Das wird ihm so schnell niemand nach machen. Dennoch steigt die Lebenserwartung in Deutschland ständig. Wie das Statistische Bundesamt kürzlich in einer Bevölkerungsvorausschätzung bekannt gab, könnte sich die Wahrscheinlichkeit, 90 Jahre alt zu werden, für Frauen mehr als verdoppeln, für Männer sogar mehr als verdreifachen. Im Jahr 2050 läge damit die Chance, dieses nahezu biblische Alter zu erreichen, für die weibliche Bevölkerung bei 55 Prozent, für die männliche bei 35 Prozent. „Das Jahr 2050 scheint zwar noch weit. Für die heute unter Vierzigjährigen ist es jedoch ein Zeithorizont, den sie mit hoher Wahrscheinlichkeit erleben werden“, erklärt Andreas Heigl von der Abteilung Economic Research der HypoVereinsbank. Das bedeutet: Diese Menschen werden deutlich länger im Ruhestand sein, als sie sich das heute vielleicht vorstellen. Das bedeutet auch: Die Deckungslücke zwischen Rentenhöhe und dem gewünschten Lebensstandard vergrößert sich. Denn, so Heigl: „Die Verlängerung der Rentenlaufzeit um fünf Jahre würde bei Leibrentenverträgen, die eine regelmäßige Zahlung bis an das Lebensende garantieren, die Auszahlungsraten um 25 Prozent verringern.“ Bei einer Einmalzahlung bei Rentenbeginn bestehe die Gefahr, dass das Vermögen bereits weit vor dem Todesfall aufgezehrt werde. Die Wahrscheinlichkeit, das hohe Alter mit Sorgenfalten zu erleben, steigt. Das ist umso brisanter, als die Lücke zwischen dem erhofften Auskommen und den zu erwartenden Rentenzahlungen bereits heute bei vielen Menschen gewaltig klafft: Nach einer Studie des wirtschaftspsychologischen Forschungs- und Beratungsinstitut Psychonomics in Köln erreichen knapp 60 Prozent der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten selbst unter optimalen Zukunftsbedingungen ihr erwünschtes Versorgungsniveau nicht. 35 Prozent der Befragten werden voraussichtlich unter 75 Prozent bleiben. Weitere 24 Prozent bewegen sich zwischen 75 und 100 Prozent. Berücksichtigt wurden bei der Untersuchung die Ansprüche aus gesetzlicher Rente, Betriebsrente und privater Altersvorsorge. Angesichts sinkender gesetzlicher Renten liegt die Lösung des Problems für den Einzelnen in der Aufstockung der privaten Altersvorsorge. Heigl rät, Produkte zu bevorzugen, bei denen der Versicherte bis an sein Lebensende regelmäßige Zahlungen erhält. Dieser Betrag sollte wegen der vorhersehbaren Abschläge aufgrund der steigenden Lebenserwartung großzügig kalkuliert werden. Zur Absicherung des individuellen Langzeitlebensrisikos zählt auch das entschuldete Eigenheim, das mietfreies Wohnen im Alter garantiert. Insgesamt empfiehlt sich eine Anpassung des Sparverhaltens an den verlängerten Lebenszyklus: „Entweder sollte während der Erwerbsphase mehr Einkommen zurückgelegt werden und oder die Ansparphase verlängert werden, zum Beispiel Rentenauszahlung mit 65 statt mit 60 Jahren“, erklärt Heigl. Dann lässt sich der gewohnte Lebensstandard auch als Fast-Methusalem aufrecht erhalten. ANDREA BITTELMEYER
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