Values 3/2003

Boot vor der HaustĂŒr

In den Niederlanden sind der Platzmangel auf dem Festland und der stetig steigende Meeresspiegel fĂŒr eine neue Art des Bauens verantwortlich. In Deutschland liegt es wohl in erster Linie an der Lust am Wohnen auf dem Wasser, dass Landschaftsplaner, Investoren und Architekten ĂŒber PlĂ€nen fĂŒr schwimmende HĂ€user brĂŒten.

„Du mutiges Berlin!“, begeisterte sich die BILD-Zeitung kĂŒrzlich fĂŒr die deutsche Hauptstadt. Grund dafĂŒr war weder eine neue Großveranstaltung mit spĂ€rlich bekleideten Menschen, noch das aufregende Liebesleben eines Bundestagsabgeordneten. Nein: Die Entwicklungsgesellschaft Wasserstadt GmbH prĂ€sentierte die EntwĂŒrfe fĂŒr eine neue und spektakulĂ€re Form des Wohnens: fĂŒr HĂ€user auf dem Wasser.

Bei den amphibischen Behausungen handelt es sich nicht um eine Konstruktion auf PfĂ€hlen wie in Venedig und auch nicht um klassische Hausboote wie sie in den Grachten von Amsterdam liegen. Es geht um vollwertige HĂ€user auf schwimmenden Plattformen. Diese sollen bereits im kommenden Jahr an Stegen oder SeebrĂŒcken in der Rummelsburger Bucht und an der Insel Eiswerder auf dem Spandauer See anlegen.

”Das ist eine neuartige und zukunftsweisende Baukultur, eine kleine Sensation“, sagt Heike Brandhorst von der Wasserstadt GmbH, die sich ĂŒber die große Resonanz der ersten Ausstellung der EntwĂŒrfe freut. Insgesamt 5000 Besucher bestaunten die Zeichnungen der außergewöhnlichen Immobilien, die weder Haus noch Schiff sind und den klingenden Namen Floating Homes tragen.

Schwimmende Siedlungen

Die Bezeichnung wie auch die Idee fĂŒr die Kreuzung aus Yacht und Villa stammt aus den USA und Kanada. So gibt es an der WestkĂŒste der USA - etwa in Sausalito bei San Francisco - ganze Siedlungen von schwimmenden HĂ€usern mit Wasser-, Telefon- und Stromanschluss, mit Terrassen und Balkonen. In Kanada hat sich die Wohnform auf dem Wasser ebenfalls bereits verbreitet. Dort wurde sie von der niederlĂ€ndischen Firma Ooms Avenhorn Holding entdeckt, die mit der Lizenz eines kanadischen Unternehmens seit einigen Jahren WasserhĂ€user anbietet.

Acht schwimmende HĂ€user hat Ooms Avenhorn bereits fertig gestellt. Diese liegen im Ijmeer, einem Wasserbecken bei Amsterdam. Dort sollen in den nĂ€chsten Jahren mindestens zweihundert Floating Homes errichtet werden. Sie werden an Land gefertigt, zu Wasser gebracht und zum gewĂŒnschten Standpunkt geschleppt. Im Ijmeer soll so ein gesamtes Wohnviertel entstehen – mit schwimmenden Restaurants, Hotels und GeschĂ€ften, die durch auf dem Wasser liegende Stege verbunden sind.

In den Niederlanden sind der chronische Platzmangel auf dem Festland und die stĂ€ndige Überflutungsgefahr die wichtigsten GrĂŒnde fĂŒr die Entdeckung der neuen Wasser-Architektur. Aber die HollĂ€nder scheinen sie auch zu mögen: 5000 Interessenten fĂŒr schwimmende HĂ€user zĂ€hlt Gijsbert van der Woerdt von der Firma Mervac Maritime, der diese Objekte der Ooms Avenhorn Holding vermarktet. „Jeder fragt uns, warum wir so etwas nicht schon frĂŒher gemacht haben“, sagt er.

HĂ€user wie Seerosen

Auch die Berliner Floating Homes entsprechen nach Ansicht von Wasserstadt-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Uli Hellweg dem Wunsch der GroßstĂ€dter nach dem Leben am Wasser, nach Ruhe und ExklusivitĂ€t. Architektonisch sind die insgesamt elf ausgewĂ€hlten EntwĂŒrfe futuristischer und mutiger als die meisten Vorbilder im Ausland: Es gibt HĂ€user mit Schiffselementen, HĂ€user, die in ihrer Form an einen Wal erinnern, aber auch solche, die wie Seerosen wirken und sich in ihrer Lage auf dem Wasser automatisch nach der Sonne ausrichten. Die zweigeschossigen HĂ€user mit 135 bis 211 Quadratmetern WohnflĂ€che plus Sonnendeck und Terrasse, Badeplattform oder Angelplatz eignen sich auch als BĂŒrogebĂ€ude. Kosten sollen die Floating Homes zwischen 320 000 und 540 000 Euro – WassergrundstĂŒck, Außenanlagen und Baunebenkosten inklusive.

Die Ausschreibung der Wasserstadt GmbH richtete sich an Teams aus Architekten und Investoren. Der Grund: Die Entwicklungsgesellschaft verhandelt lediglich ĂŒber die WassergrundstĂŒcke und das Anlegerecht. Bauen sollen Investoren wie die Haus und Grund GmbH oder die Clement Yacht Harbour Systems GmbH. Heike Brandhorst geht davon aus, dass dies nach der Überwindung der letzten baurechtlichen HĂŒrden bereits im kommenden Jahr geschieht. ZunĂ€chst sollen acht bis zehn Floating Homes zu Wasser gehen.

Auch die Internationale Bauausstellung (IBA) FĂŒrst PĂŒckler Land erwartet den ersten Prototypen eines schwimmenden Hauses fĂŒr das Jahr 2004. Dieser soll auf einem See der Lausitzer Seenplatte ausgestellt werden. Schwimmende FerienhĂ€user, aber auch Eigenheime und BĂŒrogebĂ€ude werden hier geplant, um den Reiz einer Landschaft zu erhöhen, in der nach dem Abzug des Braunkohletagebaus zehn kĂŒnstlich angelegte Seen entstehen werden. „Wir wollen, dass die Menschen um die Seen herumlaufen können, dass nicht PrivatgrundstĂŒcke den Zugang zum Wasser versperren. Dennoch soll der Traum vom Wohnen am Wasser in ErfĂŒllung gehen“, sagt Paul Gronert von der IBA.

Die FĂŒĂŸe ins Wasser hĂ€ngen lassen

Gronert schwĂ€rmt von der neuen Wohnform: „Die Bewohner können aus ihrem Haus heraus die FĂŒĂŸe ins Wasser hĂ€ngen lassen, sie können vor der TĂŒr in ein Boot steigen und ĂŒber den See fahren.“ Die HĂ€user selbst werden wohl auch hier keinen Motor haben. Aber: „Wenn den EigentĂŒmern zum Beispiel der Nachbar nicht passt, können sie ihr Haus einfach an eine andere Stelle schleppen lassen“, sagt Gronert.

FĂŒr Wasser-Fans, die mit ihrer Behausung noch mobiler sein möchten, gibt es auch schon eine Lösung: Seit einem Jahr schippert „The World of Residensea“, das erste Traumschiff mit Eigentumswohnungen, ĂŒber die Weltmeere. Auf seiner Reise hat der Ozean-Riese bereits 40 HĂ€fen in 20 LĂ€ndern angesteuert. Mit Vorliebe legt er  bei internationalen Top-Ereignissen an - in diesem FrĂŒhjahr zum Beispiel zur weltgrĂ¶ĂŸten Segel-Regatta „AmericaÂŽs Cup“ in Auckland, Neuseeland.

Trotz der beachtlichen Preise findet auch diese ganz besonders mondĂ€ne Form des Wohnens auf dem Wasser Anklang: „80 Prozent der mindestens 100 Quadratmeter großen Wohnungen, die zwischen 2,2 und 5,2 Millionen Dollar kosten, sind bereits verkauft“, erklĂ€rt Jorge von Lenthe Campos, der bei dem Hamburger Immobilienmakler Engel & Völkers fĂŒr die Vermarktung des Luxus-Liners zustĂ€ndig ist. FĂŒr die letzten 20 Prozent wurde kĂŒrzlich ein neues Konzept entwickelt: Es werden auch Ein- und Zwei-Zimmerwohnungen fĂŒr 900 000 bis 1,8 Millionen Dollar angeboten. Gedacht sind diese allerdings nicht etwa als Spar-Version, sondern – so von Lenthe Campos - „fĂŒr Menschen, die ihre Wohnung auf dem Schiff als Hotel nutzen möchten.“

 

Wasser-Immobilien im Internet:

Auf der Website der Wasserstadt Berlin lassen sich schon einmal die EntwĂŒrfe fĂŒr die schwimmenden HĂ€user begutachten und auch die Floating Homes in Sausalito sind eine virtuelle Reise wert. Wer noch ein bisschen weiter trĂ€umen mag, klickt auf die Seite der „The World of Residensea“, des ersten Luxus-Kreuzfahrtschiffes mit Eigentumswohnungen fĂŒr MillionĂ€re.

www.floating-home.de: Die Internet-Seiten der Wasserstadt Berlin

www.floatinghomes.org: Virtuelle Reise zu den Floating Homes in Sausalito bei San Francisco

www.iba-fuerst-pueckler-land.de: Internationale Bauaustellung FĂŒrst PĂŒckler Land, die sich unter anderem mit schwimmenden HĂ€usern beschĂ€ftigt

www.floatinghomes.com: Floating Homes in Canada, die die hollÀndische Firma Ooms Avenholding in die Niederlande gebracht hat

www.residensea.de: Mobile Eigentumswohnungen auf dem Traumschiff „The World of Residensea“

ANDREA BITTELMEYER

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