|
Values, 3/2003 Auch Nokia hat klein angefangen Nicht nur in London und Frankfurt gibt es Wertpapierbörsen. Europa hat zahlreiche kleine nationale HandelsplĂ€tze wie in Malta oder Zypern, an denen vor allem Aktien einheimischer Unternehmen gehandelt werden. Denn nur so werden viele kleinere Firmen ausreichend beachtet und erhalten Zugang zu frischem Eigenkapital. Bei den FĂ€röer-Inseln handelt es sich um ein recht unbekanntes Fleckchen Europa. Sie liegen zwischen Island und Norwegen, gehören politisch zu DĂ€nemark, sind jedoch seit 1948 autonom und haben ein eigenes Parlament. Die Hauptstadt namens TĂłrshavn zĂ€hlt gerade einmal 16 000 Einwohner. Der Fischfang ist der wichtigste Wirtschaftszweig. Internationales Aufsehen erregte die Inselgruppe mit dem rauen Klima bislang vor allem, als ihre FuĂballmannschaft vor etwa zwölf Jahren die österreichische Nationalelf geschlagen hat. Doch jetzt macht FĂ€röer durch eine ganz andere Neuigkeit von sich reden: Das Land will noch in diesem Jahr die kleinste Börse der Welt eröffnen. Sigurd Poulsen, Chef der Landsbanki Foeroya, der die Initiative vorantreibt, erwartet an dem neuen Handelsplatz zunĂ€chst lediglich zwei Unternehmen. Im Laufe der kommenden fĂŒnf Jahre sollen es immerhin acht werden. Im Visier hat Poulsen die Sparkasse sowie die örtliche Telefongesellschaft und die groĂen Fischereikonzerne. Dass die Börse so winzig sein wird, verwundert nicht: âEine kleine Volkswirtschaft hat in der Regel auch eine kleine Börseâ, erklĂ€rt Gregor Pozniak, stellvertretender GeneralsekretĂ€r bei der Federation of European Securities Exchanges (FESE), der europĂ€ischen Börsenvereinigung in Belgien. Und ein Blick in die europĂ€ische Börsenlandschaft zeigt: FĂ€röer wĂ€re zwar der kleinste, lĂ€ngst aber nicht der einzige kleine nationale Handelsplatz. So sind an den Wertpapierbörsen in Malta und Lettland gerade einmal 13 Unternehmen gelistet, in Estland sind es 14. Zum Vergleich: An der gröĂten europĂ€ischen Börse in London sind mehr als 2800 Aktiengesellschaften notiert, in Frankfurt mehr als 900. Auch in zahlreichen anderen LĂ€ndern, die sich gerade auf dem Weg in die EuropĂ€ische Union befinden wie Zypern, Ungarn oder der Slowakischen Republik sind die HandelsplĂ€tze noch recht ĂŒberschaubar. Relativ kleine Börsen gibt es jedoch auch innerhalb der EU bereits heute: So haben vor allem Luxemburg, aber auch Ăsterreich im Vergleich zu London und Frankfurt einen geringen Aktienumsatz. Dennoch haben die kleinen Börsen durchaus ihre Daseinsberechtigung. âDie nationalen Börsen bringen den einheimischen Unternehmen einen Zugang zum Kapitalmarktâ, erklĂ€rt Professor Wilfried Fuhrmann vom Institut fĂŒr Makroökonomik an der UniversitĂ€t Potsdam. Andernfalls wĂ€ren die Firmen allein auf sehr viel teurere Bankkredite angewiesen. AuĂerdem werde ein Land ohne Zugang zum Eigenkapitalmarkt zwangslĂ€ufig zum Kapitalexporteur. Wenn Island etwa keine Börse hĂ€tte, könnten IslĂ€nder nur in auslĂ€ndische Firmen beispielsweise in den USA investieren. âWas aber spricht dagegen, dass sie Aktien eines der Stromwerke in der NĂ€he von Reykjavik kaufen?â, fragt Fuhrmann. Die Schwierigkeit der nationalen Börsen liegt jedoch hĂ€ufig an einer anderen Stelle: âVielen kleinen Börsen wachsen die Kosten ĂŒber den Kopfâ, sagt Gregor Pozniak. Der Grund: Sie unterliegen einer recht hohen Fixkostenbelastung aus ihren Tagen als öffentlich-rechtliche Einrichtungen. Die Konkurrenz wachse jedoch. Gewinnorientierung und moderne Management-Methoden lösten frĂŒhere Non-Profit-Strukturen ab. So wollen die FĂ€röer aus KostengrĂŒnden ganz auf einen eigenen BörsenstĂŒtzpunkt verzichten. Sie gliedern ihren Handelsplatz der islĂ€ndischen Börse an. âDas ist fĂŒr uns eine kostengĂŒnstige Möglichkeitâ, erklĂ€rt Poulsen, der mit der Landsbanki Foeroya die Geschicke der Börse von FĂ€röer aus leiten wird. Auch der estnischen Börse in Tallinn, an der 14 Unternehmen gelistet sind, brachte der Zusammenschluss mit der gröĂeren - im europĂ€ischen Vergleich jedoch immer noch kleinen finnischen Börse - Kostenersparnisse, aber auch mehr InternationalitĂ€t: âFĂŒr einen Finnen ist es jetzt beinahe ebenso einfach eine Aktie seiner lokalen Bierbrauerei zu kaufen wie Investor der estnischen Bierbrauerei Saku zu werdenâ, erklĂ€rt Eva Palu von der Börse in Tallinn. ZusammenschlĂŒsse sind im Zeitalter der Globalisierung auch bei gröĂeren Börsen lĂ€ngst keine Seltenheit mehr. Die Wiener und auch die Irische Börse nutzen das Xetra-System der Deutschen Börse in Frankfurt. Belgien, Portugal, Frankreich und die Niederlande haben sich zur Börsengruppe Euronext zusammen geschlossen. Auch sie handeln ĂŒber ein gemeinsames System. Ein Unternehmen, dass an einer Börse gelistet werden will, muss auch an den anderen vertreten sein. Dieses kostensparende und die InternationalitĂ€t voran treibende System funktioniert so prĂ€chtig, weil der Parkett-Handel in Europa weitgehend dem Computer gewichen ist. Auf Zuruf gehandelt wird nur noch in London und Frankfurt, aber auch den regionalen deutschen Börsen wie Stuttgart oder MĂŒnchen. Viele der noch recht jungen nationalen Börsen etwa in Osteuropa hingegen jedoch hatten niemals Parketthandel, an anderen HandelsplĂ€tzen wie etwa in Helsinki steht der elegante Börsensaal samt ehrwĂŒrdigen Pulten und Parkettboden heute leer. Stattdessen sitzen die Makler in ihren BĂŒros vor Computermonitoren. Die Daten flitzen blitzschnell um den Globus und tauchen auf Bildschirmen am anderen Ende der Welt auf. So wĂ€re im elektronischen Zeitalter eine gigantische europĂ€ische Börse durchaus denkbar. Doch hĂ€tten es in diesem System vor allem kleine LĂ€nder schwer, sich zu profilieren. Es gibt dort zu wenige Unternehmen, die auf den HauptmĂ€rkten auf hinreichend Interesse stoĂen wĂŒrden. âEine Firma braucht zunĂ€chst einen Heimatmarkt, bevor sie nach Europa oder in die Welt springen kannâ, erklĂ€rt Fuhrmann. SchlieĂlich mĂŒsse es auch Analysten und Banken geben, die sich fĂŒr das Unternehmen interessieren. Und: Auch ein Riese wie Nokia, lĂ€ngst an den WeltmĂ€rkten zu Hause, habe schlieĂlich einmal klein angefangen. Dass aber auch kleine HandelsplĂ€tze fĂŒr auslĂ€ndische Investoren nicht zwangslĂ€ufig uninteressant sein mĂŒssen, belegte die estnische Börse im vergangenen Jahr eindrucksvoll: WĂ€hrend in weiten Teilen der Welt der BĂ€renmarkt tobte, brachte es des Preisindex der Börse in Tallinn im Jahr 2002 auf ein stolzes Plus von 47 Prozent. Beim Blick auf die volkswirtschaftlichen Rahmendaten erklĂ€rt sich das gute Abschneiden auch sofort. Die Wirtschaft ist im vorigen Jahr um 5,6 Prozent gewachsen und auch in diesem Jahr könnten es durchaus 5,5 Prozent werden.
Kleine Börsen in Europa: Malta, Lettland, Litauen, Luxemburg - so lautet die Reihenfolge der kleinen Börsen in Europa, wenn man den Aktienumsatz im Februar 2003 zu Grunde legt. Dabei ist zu beachten: Der Aktienumsatz kann von Monat zu Monat schwanken. Zudem ist er lediglich eine von mehreren möglichen Kennzahlen fĂŒr die GröĂe einer Börse. Möglich wĂ€re auch, die Marktkapitalisierung der gelisteten Unternehmen oder den gesamten Umsatz einer Börse zu nehmen. Denn dort werden lĂ€ngst nicht nur Aktien gehandelt. So gibt es beispielsweise in Luxemburg, das laut Aktienumsatz die kleinste Börse unter den Mitgliedern der EuropĂ€ischen Union hat, einen sehr groĂen Markt fĂŒr Anleihen. Malta, Valletta: Aktienumsatz im Februar 2003: 3 Millionen Euro (inklusive Investmentfonds), gelistete Unternehmen: 13 Lettland, Riga: Aktienumsatz im Februar 2003: 3 Millionen Euro, gelistete Unternehmen: 13 Litauen, Vilnius: Aktienumsatz im Februar 2003: 5,1 Millionen Euro, gelistete Unternehmen: 48 Luxemburg: Aktienumsatz im Februar 2003: 12,3 Millionen Euro, gelistete Unternehmen: 242 Estland, Tallinn: Aktienumsatz im Februar 2003: 16 Millionen Euro, gelistete Unternehmen: 14 Slowakische Republik, Bratislava: Aktienumsatz im Februar 2003: 23,6 Millionen Euro, gelistete Unternehmen: 498 Zypern, Lefkosia: Aktienumsatz im Februar 2003: 25,7 Millionen Euro, gelistete Unternehmen: 154 Tschechische Republik, Prag: Aktienumsatz im Februar 2003, 357 Millionen Euro, gelistete Unternehmen: 48 Polen, Warschau: Aktienumsatz im Februar 2003: 364,5 Millionen Euro (inklusive Investmentfonds), gelistete Unternehmen: 201 Ungarn, Budapest: Aktienumsatz im Februar 2003: 425 Millionen Euro, gelistete Unternehmen: 48 Island, Reykjavik: Aktienumsatz im Februar 2003: 443,3 Millionen Euro, gelistete Unternehmen: 63 Quellen: Federation of European Securities Exchanges, World Federation of Exchange Members ANDREA BITTELMEYER
|