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uni Magazin 1/2005 Der rote Faden im Lebenslauf „Wie sieht das bloß aus?“ wird Doris Brenner von jungen Berufstätigen immer häufiger gefragt. Ein wenig ratlos präsentieren sie der Karriereberaterin ihren Lebenslauf, der nicht so geradlinig ist, wie sie sich das zu Beginn ihres Arbeitslebens vorgestellt haben. Statt von einem konsequenten Aufstieg in einem Unternehmen zeugt er von einer Folge von Praktika, Honorartätigkeiten und befristeten Festanstellungen. Statt auf ein klar definiertes Tätigkeitsfeld weist er auf mehrere unterschiedliche Einsatzgebiete hin. Was die Erwerbstätigen besorgniserregend finden, findet Doris Brenner jedoch ziemlich normal: „Die Karrieren werden einfach bunter“, beruhigt sie die Ratsuchenden und steht damit keinesfalls allein. Einige Experten beschreiben moderne Lebensläufe sogar bereits als Patchwork, weil sie davon ausgehen, dass sie einem Flickenteppich gleichen werden. Oder sie erklären den zeitgemäßen Arbeitnehmer zur Selbst GmbH, weil er sich immer wieder aufs Neue bewerben und seine Arbeitskraft immer häufiger auch als Selbstständiger anbieten muss. Andere wiederum sprechen ganz nüchtern von Wechseln und Brüchen im Berufsleben. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: „Die Wirtschaftswelt wird dynamischer und unsicherer“, erklärt Doris Brenner. Unternehmen können auf lange Sicht keine Jobsicherheit geben, weil sie sich selbst permanent umorganisieren und neue Geschäftsfelder erschließen müssen. Der Bedarf an fachlichen Qualifikationen ist nicht vorhersehbar. So kann es durchaus sein, dass ein Hochschulabsolvent keine Anstellung in seinem Spezialgebiet findet und sich mittels Praktika umorientieren muss. Ebenso möglich ist es, dass ein junger Arbeitnehmer seinen gut bezahlten Job aufgrund von Stellenstreichungen wieder verliert oder in einem ganz anderen Bereich des Unternehmens ein Angebot bekommt. Für manchen Berufsanfänger kann das zunächst durchaus ein böses Erwachen sein. Hat er doch erwartet, dass nach seinem Studium das Leben in geregelten Bahnen verläuft und er ein gutes und sicheres Auskommen hat. Phasen, in denen er als Praktikant tätig ist, freiberuflich an Projekten mitarbeitet oder sogar ohne Beschäftigung ist, waren nicht eingeplant und kratzen an seinem Ego. Einen notwendigen Wechsel seiner beruflichen Laufbahn hält er womöglich für einen persönlichen Makel. Auch diese unguten Gefühle sind normal. So gehen Sozialwissenschaftler (siehe Interviews) davon aus, dass die neuesten Entwicklungen nicht für jeden Akademiker ein Kinderspiel sein werden, da unsere kulturellen Muster andere Ideale vorgeben. Nicht nur den Betroffenen selbst, sondern vor allem auch ihren Eltern ist die Entwicklung fremd. Es kommen Fragen wie: „Ich dachte, du bist jetzt fertig mit deinem Studium?“ oder: „Warum hampelst du eigentlich so lange rum?“ Doris Brenner, die als selbstständige Beraterin auch im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung (DGfK) sitzt, beobachtet, dass deshalb bei vielen jungen Menschen der Wunsch nach einer Festanstellung immer stärker wird. „Doch auch dann können sie sich ja nicht sicher sein“, sagt Doris Brenner. Kein Unternehmen könne heute für länger als drei Jahre einen Job garantieren. Die stille Hoffnung mancher Studierenden, dass sich das gravierend ändert, wenn nur die Konjunktur wieder anspringt, relativiert Andreas Eimer, Leiter des gemeinsamen Career Center von Universität, Fachhochschule und Arbeitsagentur Münster. „Die Arbeitswelt wird weiterhin vom schnellen Wandel geprägt sein,“ sagt er. „Es wird in Zukunft ganz normal werden, ständig an der eigenen Biographie zu basteln.“ So bleibt dem Einzelnen nur eins: Den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern sich den neuen Herausforderungen stellen. Mut machen dabei die Beispiele von Menschen, die die neue Arbeitswelt von sich aus als Chance begreifen. Sprich: Alle diejenigen, die noch nie ihr Leben lang einen Job machen wollten: „Wenn ich mit einer klassischen Karriere nicht zufrieden bin, wäre ich früher schnell als nicht erfolgreich eingestuft worden. Heute kann ich durch die von außen vorgegebene Unsicherheit und Dynamik meine Pläne und Wünsche in meinen Werdegang einbauen. Und das sogar, ohne gegen den Strom zu schwimmen“, sagt Doris Brenner. So finden sich bereits heute zahlreiche Beispiele von Menschen (siehe Porträts auf den folgenden Seiten), die in den vergangenen Jahren ihren Beruf aus Interesse an neuen Aufgaben oder aus strategischen Überlegungen für ihr Qualifikationsprofil gewechselt haben. Andere haben neue Talente an sich entdeckt oder aufgrund von Kontakten ein spannendes Angebot angenommen. Gleich mehrere Punkte davon treffen auch auf den Berater Andreas Eimer selbst zu. Als er nach journalistischer Ausbildung und verschiedenen beruflichen Stationen als Schwangerschaftsvertretung in der Pressestelle des Wissenschaftsministeriums in Düsseldorf arbeitete, lernte er den Pressesprecher der Universität Münster kennen. Der bot ihm eine Stelle in seiner Abteilung an. Später sollten an der Universität und der Fachhochschule vorhandene Ansätze eines Career Centers weiter ausgebaut werden. Andreas Eimer bekam das Angebot, mitzumachen und schlug ein. Gereizt hat ihn vor allem der Gedanke, nicht länger nur über die Entwicklungen an der Hochschule zu schreiben, sondern sie mit eigenen Projekten zu beeinflussen. Heute nach mehr als fünf Jahren ist er mit dieser Entscheidung noch immer höchst zufrieden. „Wichtig für das Selbstbewusstsein ist es, nicht das Gefühl zu bekommen, vollkommen fremdbestimmt zu sein“, erklärt Andreas Eimer. Seiner Meinung nach geht es deshalb vor allem darum zu lernen, sich in einer verändernden Arbeitswelt zurecht zu finden. Gefragt sei dabei vor allem die Transferfähigkeit, was bedeutet: erlerntes Wissen auf neue Situationen anwenden zu können. Hinzu kommen geistige Beweglichkeit, Entscheidungskompetenz, Selbstverantwortung sowie Lern- und Umlernfähigkeit. Ein Patentrezept für das Agieren auf dem neuen Arbeitsmarkt will und kann der Berater hingegen nicht präsentieren. So könne man Hochschulabsolventen etwa in der Wirtschaftsflaute nicht pauschal raten, sich selbstständig zu machen oder an der Hochschule zu bleiben und zu promovieren. Es gehe immer darum, einen individuellen Weg zu finden, der die persönlichen Fähigkeiten und Interessen berücksichtigt. Dabei gelte es, sich genau anzusehen, wo die eigenen Stärken liegen. Wer dabei allein nicht weiterkomme, sollte sich auf jeden Fall professionelle Hilfe holen, indem er zum Beispiel die Angebote der Hochschulen nutzt. Wichtige Fragen, die gemeinsam mit den Beratern oder für sich allein geklärt werden müssen, lauten: „Was kann ich und was kann das einem Unternehmen nutzen?“. Häufig finden sich bei solchen Überlegungen Berufsfelder, die es vor einigen Jahren noch gar nicht gab. So brauchen etwa Unternehmen in den Entwicklungsabteilungen auch Ethnologen, weil sie ihre Produkte in verschiedenen Ländern verkaufen und die Besonderheiten der jeweiligen Kulturen berücksichtigen müssen. Ebenfalls wichtiger werden Fragen der Ethik, für die immer häufiger auch Philosophen zu Rate gezogen werden. Wichtig ist es laut den Beratern auch, bei der persönlichen Entwicklung darauf zu achten, dass der Lebenslauf nicht zu einem wahllos zusammengewürfelten Gebilde wird. Es sollte dem Erwerbstätigen vielmehr gelingen, sich immer wieder Einsatzbereiche zu suchen, in denen sich Synergieeffekte auftun, bzw. die eine sinnvolle Entwicklung bedeuten. Will heißen: Ein kommunikationsstarker Journalist kann sich auf den Weg zum Pressesprecher machen. Ein Ingenieur, der merkt, dass ihn fundierte Kenntnisse in Controlling und Projektmanagement weiter bringen würden, kann berufsgleitend ein Aufbaustudium absolvieren. „Ich rate, die erworbenen Fähigkeiten nicht alle über Bord zu werfen, sondern sie auch weiterhin zu nutzen“, sagt Doris Brenner. Das macht die Bewerber für die Unternehmen interessanter, bei denen davon ausgegangen wird, dass sie sich zunehmend für Quereinsteiger öffnen. Allerdings ist diese Entwicklung in Deutschland noch nicht konstant zu erkennen. „Es lässt sich beobachten, dass die Akzeptanz von Quereinsteigern je nach Konjunktur- und Arbeitsmarktlage schwankt. Werden in einem Bereich Arbeitskräfte dringend gesucht, haben auch Quereinsteiger eine größere Chance“, erklärt Andreas Eimer. Von einer generell steigenden Nachfrage will er noch nicht sprechen. Dennoch lassen die Ergebnisse der Berufsforschung darauf schließen, dass sich das in der Zukunft ändern wird. So gewinnen nach verschiedenen Untersuchungen überfachliche Qualifikationen wie Methodenwissen, kommunikative und soziale Kompetenzen, Lern- und Transferfähigkeiten gegenüber dem reinen Fachwissen bei Einstellungen und im Berufsverlauf deutlich an Bedeutung. Wichtig ist jedoch auch die persönliche Motivation. Denn Firmen suchen zunehmend nach Mitarbeitern, die etwas bewegen möchten. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Hochschulausbildung unwichtig werden würde. Im Gegenteil: Erstens wird das Fachwissen weiterhin eine bedeutsame Grundlage bleiben. Und zweitens: „Wer Methoden kennen lernt und exemplarisch wissenschaftlich arbeitet, wer Inhalte präsentiert und in Seminaren fundiert diskutiert, wer sich und sein Studium gut organisiert, wer Kontakt zu Kommilitonen mit unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründen aufbaut, hat schon viel von dem gelernt, was später auch im Beruf notwendig ist“, sagt Andreas Eimer. Er rät dazu, beweglich und neugierig zu bleiben und sich immer wieder aktiv neuen Situationen und Herausforderungen zu stellen. Auch ein Auslandsaufenthalt und gezielte Praktika seien wichtige Bausteine. Überhaupt entwickeln sich Praktika und freie Mitarbeit während des Studiums immer stärker zum Dreh- und Angelpunkt des beruflichen Erfolgs. Denn: Obwohl Quereinsteiger heute weniger schief angeguckt werden als früher, haben sie bei der klassischen Bewerbung auf eine Stellenanzeige, häufig einen Nachteil. „Dann bekommen die Unternehmen einen Wust an Bewerbungen und sortieren diejenigen aus, die nicht genau ihrem nach wie vor klassischen Anforderungsprofil entsprechen“, erklärt Doris Brenner. Aber auch das findet die Beraterin nicht weiter tragisch, weil die meisten Stellen gar nicht mehr auf diesem Weg vergeben würden. Zunehmend setzten Unternehmen auf den persönlichen Kontakt und Empfehlungen, da sie das Risiko einer Fehlbesetzung eher vermeiden können, wenn sie den Bewerber schon aus praktischer Zusammenarbeit kennen und seine Leistungen einschätzen können. Damit spricht die Karriereberaterin ein Phänomen an, das vor allem Geisteswissenschaftler sehr gut kennen. Da bei ihnen die beruflichen Einsatzfelder noch nie streng vorgegeben waren, haben sie den Einstieg in das Berufsleben schon immer auf diese Weise gesucht - und häufig auch gefunden. So wie Andreas Gräbel, der in Bochum Germanistik und Philosophie studiert hat. Er bekam zum Ende seines Studiums die Möglichkeit, ein Praktikum bei der Cologne Conference zu machen - ein in Köln im Rahmen des Medienforums NRW jährlich stattfindendes Fernsehfestival. Aus dem Praktikum wurde eine freie Mitarbeit. Aus seiner Tätigkeit ergaben sich bis heute ständig weitere Projekte, etwa das Jahrbuch Fernsehen für das Adolf Grimme Institut und verschiedene Studien über den deutschen Fernsehmarkt für die in Köln ansässige Medienberatungsfirma HMR International. „Ich wünschte, die Studierenden kämen nicht erst, wenn sie ihren Abschluss in der Tasche haben und keine Stelle finden“, sagt Dorothee Gordon, Beraterin beim Hochschulteam der Arbeitsagentur Berlin Südwest. Dann würde auch sie ihnen raten, sich möglichst früh in der Berufswelt umzusehen. Tipps für ein auf dem Arbeitsmarkt hoch geschätztes Studium kann auch sie ihnen nicht geben. „Ob ein Abschluss in einigen Jahren gefragt sein wird oder nicht, lässt sich einfach nicht Voraus sagen“, sagt die Beraterin. Man könne den Studierenden allerdings empfehlen, ein Fach zu studieren, das sie wirklich interessiert. Denn nur dann könnten sie wirklich gute Leistungen erzielen und hätten die Kraft, den ebenso spannenden wie anstrengenden Weg auf sich zu nehmen, der sie heute erwarten kann.
„Eigentlich gut vorbereitet“ Dr. Hans J. Pongratz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Soziologie der Technischen Universität München, forscht zur neuen Arbeitswelt. uni hat ihn zu seinen Erkenntnissen befragt. uni: Wenn es um moderne Karrierewege geht, meiden Sie den Ausdruck „Patchwork“ und sprechen lieber von „Fragmentierung“. Warum? Hans Pongratz: Patchwork klingt sehr nach einem beliebigen Nebeneinander ganz verschiedener Berufe und Tätigkeiten. Aber das wird nicht kommen. Berufsstrukturen und Berufsausbildungen werden nicht völlig ihre Bedeutung verlieren. Aber man kann nicht mehr davon ausgehen, dass es einen ungebrochenen Weg innerhalb des einmal erlernten Berufes gibt. Vielleicht gibt es auch gezielte Wechsel des Berufes an bestimmten Punkten. Deshalb spreche ich lieber von „Fragmentierung“. uni: Welche Brüche und Wechsel sind typisch für heutige Karrieren? Hans Pongratz: Das können Betriebswechsel sein, weil der Betrieb die Beschäftigung nicht fortführen will oder kann. Oder aber, weil der Arbeitnehmer selbst andere Interessen entwickelt. Das können aber auch Aufgabenwechsel innerhalb eines Unternehmens sein. Wir sehen bei Hochqualifizierten, dass sie zwar mit einer bestimmten fachlichen Richtung einsteigen, dann aber Projektmanager werden und ganz andere Aufgaben übernehmen. uni: Man muss sich also darauf einstellen, dass man seinen Job verliert und eine Zeit arbeitslos ist, dass man sich zumindest zeitweise selbstständig macht oder eben, dass sich das Stellenprofil gravierend ändert. Wie kann man dennoch sein Leben planen? Hans Pongratz: Jeder Einzelne muss sich überlegen: Was will ich in meinem Leben erreichen? Zudem brauche ich eine Art Kompetenzprofil, eine Vorstellung von meinen Stärken, die ich gezielt weiter entwickeln will. Schließlich muss ich immer wieder aus den Angeboten an Weiterbildungen und Stellen auswählen. Mich fragen: Welche passen zu den Interessen, die ich selbst habe? Aber ich muss mich auch stärker aktiv damit beschäftigen, wo meine Arbeitskraft derzeit gefragt ist, wo und wie ich sie am besten einbringen oder verkaufen kann. Auch beim ungewollten Verlust des Arbeitsplatzes gilt es, sich zu fragen: Was war mein Ziel? Wie komme ich in meiner Entwicklung trotzdem weiter? Ein Bruch muss ja nicht heißen, dass die Karriere zu Ende ist. Sie kann eine andere Richtung nehmen, vielleicht sogar eine neue Qualität erreichen. uni: Mit ihren Untersuchungen zur neuen Arbeitswelt haben Sie den so genannten Arbeitskraftunternehmer ausgemacht, der diesen Anforderungen gewachsen ist… Hans Pongratz: Ob er diesen Anforderungen gewachsen ist, ist noch die Frage. Mit dem Typus des Arbeitskraftunternehmers gehen wir davon aus, dass Anforderungen wie Selbstkontrolle und Selbstökonomisierung zunehmend gestellt werden. Das heißt: Die Beschäftigten müssen irgendwie damit umgehen. Ob und wie sie das schaffen, bleibt eine offene Frage. In Umfragen stellen wir fest, dass das sehr unterschiedlich ist. Viele Beschäftigte, etwa im IT-Sektor oder in der Beratungsbranche, schaffen das ganz gut. Es gibt aber auch viele, die große Schwierigkeiten damit haben. Die nur das Risiko der Entwicklung und nicht die Chance sehen. uni: Woher rühren deren Schwierigkeiten? Hans Pongratz: Unser traditionelles kulturelles Muster von Erwerbsarbeit legt auf die Absicherung großen Wert. Die wenigsten von uns haben bei ihren Eltern gesehen, wie man mit Wechseln und Brüchen umgeht. Viele äußern nur Ängste und Sorgen, wenn man seinen Job verliert. Da ist es sehr wichtig, sich mit Menschen auszutauschen, die in einer ähnlichen Lage sind. Damit man in der Situation nicht das Gefühl bekommt, dass man alleine betroffen ist und den gebrochenen Werdegang als persönliches Defizit erlebt. uni: Wie kann man sich als Studierender auf die neue Arbeitswelt vorbereiten? Hans Pongratz: Es gilt mehr dann je: Während des Studiums in Betrieben arbeiten! Dort sollte man sich gründlich umsehen: Was kommt auf mich zu? Wie geht es anderen Beschäftigten? Zudem ist das Jobben selbst eine gute Vorbereitung. Das ist ja bereits fragmentiertes Arbeiten, wenn Studierende neben der Universität wechselnde Jobs haben. Sie sind insofern schon gut vorbereitet. Nur ist der Eintritt ins Berufsleben bei vielen noch mit der Hoffnung verbunden: Jetzt wird alles ganz anders. Alles wird stabiler. Aber statt dessen bleibt vieles flexibel. Die Phasen des Lernens und Arbeitens werden sich ähnlicher.
„Die Entwicklungen werden überzeichnet“ Dr. Michael Faust vom Soziologischen Forschungsinstitut (SOFI) an der Universität Göttingen sieht die derzeitige Diskussion um die künftigen Karrierewege von Hochschulabsolventen skeptisch. Über seine Bedenken sprach er mit uni. uni: In der Diskussion um künftige Arbeitsverhältnisse haben Konzepte wie die „Selbst GmbH“ oder der „Arbeitskraftunternehmer“ Hochkonjunktur. Was halten Sie davon? Michael Faust: Die beiden Konzepte, die Sie nennen, sind unterschiedlicher Herkunft. Die Selbst GmbH wurde von Personalmanagern großer Unternehmen propagiert. Der „Arbeitskraftunternehmer“ ist ein soziologisches Konzept zur Analyse von Entwicklungen der Arbeitswelt. Beide Konzepte stützen sich auf Veränderungen der Arbeitswelt, die es zweifelsohne gibt. Etwa, dass Unternehmen weniger stabile, geschweige den lebenslange Beschäftigung bieten, Karrierewege weniger vorgezeichnet sind und berufliche Zuständigkeiten verschwimmen. Darauf stützt sich die Forderung, dass jeder seine Kompetenzen in Eigenregie definieren, entwickeln und vermarkten muss. Aber: Diese Vorstellungen überzeichnen nicht nur diese Entwicklungen. Sie verdichten zudem widersprüchliche Anforderungen und suggerieren, dass jeder Erwerbstätige permanent mit all diesen Herausforderungen konfrontiert sein wird. Ich halte das aus zwei Gründen für unwahrscheinlich: Zum einen ist das für die Betroffenen nicht lebbar, weil kaum jemand mit einer solch übergroßen Unsicherheit zurecht kommen kann. Zum anderen brauchen Unternehmen loyale Mitarbeiter, die langfristig Kompetenzen, Ideen und Kreativität einbringen. uni: Das heißt, die Thesen beschreiben die richtigen Entwicklungen, dramatisieren diese jedoch? Michael Faust: Ja, sie beschreiben zumindest zutreffende Aspekte, überzeichnen diese aber. Ich glaube nicht, dass die Entwicklung unausweichlich in diese eine Richtung gehen wird. Berufliche Kompetenzentwicklung braucht Zeit, kostet Geld und erfordert Anstrengungen. Sie ist nicht beliebig revidierbar und benötigt Stützung und Orientierung. Die kann prinzipiell aus zwei Quellen stammen: entweder von einem Beruf oder einem Unternehmen bzw. anderen Erwerbsorganisationen. Wir beobachten auch Gegentendenzen, beispielsweise, dass in der IT- und Softwareindustrie, die in der Vergangenheit stark von Quereinsteigern geprägt waren, Beruflichkeit wieder an Bedeutung gewinnt. Auch viele Unternehmen entdecken die Notwendigkeit der Mitarbeiterbindung wieder. Eine Untersuchung aus dem SOFI zeigt, dass die Arbeits- und Beschäftigungsverhältnisse der überlebenden Internetdienstleister viel normaler sind, jedenfalls nicht dem „Arbeitskraftunternehmer“ entsprechen. Jüngere Umfragen zeigen zudem, dass nach dem Ende der New Economy das Interesse an stabilen Beschäftigungsverhältnissen gestiegen ist. uni: Kann eine Überbetonung der Thesen von der Selbst GmbH und dem Arbeitskraftunternehmer Studierende und Berufstätige bei der Lebensplanung in die Irre führen? Michael Faust: Ja, das haben wir zum Beispiel bei der Internetökonomie beobachtet. Plötzlich wurden ganz viele Unternehmen gegründet, die alle Mitarbeiter gebraucht haben. Manche Studierende haben aufgrund der guten Angebote und überzogenen Zukunftsversprechen ihr Studium abgebrochen und sind dort eingestiegen. Dann hat sich aber herausgestellt, dass das kein dauerhaftes Feld ist. Als die Branche nicht mehr so hohe Zuwachsraten verzeichnete, waren die Quereinsteiger die ersten, die wieder herausgefallen sind. Wer Informatik studiert hatte, stand sehr viel besser da. uni: Was sollte man als Studierender daraus schließen? Michael Faust: Dass es bei all der Diskussion um unkonventionelle Karrieren in vielen Berufen immer noch recht geregelte Zugangswege gibt, an denen man sich orientieren kann. Nicht nur bei den Medizinern und Juristen, wo das traditionell besonders ausgeprägt ist. Auch die großen Unternehmensberatungen, die dafür bekannt sind, dass sie längst nicht nur Betriebswirte, sondern auch Physiker, Mediziner oder gar Architekten einstellen, haben ihre Regeln. Sie achten besonders auf ausgezeichnete Hochschulabschlüsse und Auslandserfahrung. Zudem stellen sie fast nur junge Hochschulabsolventen ein. Dass jemand im fortgeschrittenen Alter einsteigen kann, ist eher selten. Oder nehmen sie Journalisten. Hier kommen zwar auch unterschiedliche Studienrichtungen in Frage. Der Königsweg in den Beruf aber ist ein Volontariat oder die Journalistenschule. Was mir aber wichtig ist: Nicht nur Studierende sollten daraus etwas lernen, sondern auch die Personalmanager und Bildungspolitiker. Man kann die Probleme nicht alleine an Studierende oder Erwerbstätige delegieren.
Von Bau- zu Softwareprojekten Neben seinem Architekturstudium hat sich Florian Ebeling zunächst aus reinem Interesse mit dem Internet beschäftigt und Programmiersprachen elernt. Später wurde daraus sein Beruf. „Ich hatte schon bald keine Lust mehr zum Entwerfen“, sagt Florian Ebeling. Bereits während seines Architekturstudiums an der Universität Hannover war ihm der Gedanke eher unangenehm, dass das sein Beruf werden sollte. Deshalb hat er sich lieber mit den theoretischen Grundlagen des Planens beschäftigt. Fasziniert hat ihn zum Beispiel das Thema „Lernende Organisation in der Planung“. Parallel dazu entdeckte Florian Ebeling das gerade in den Kinderschuhen steckende Internet für sich. „Damals konnte mir noch niemand erklären, was das ist“, erzählt er. Ihn hat es jedoch so interessiert, dass er beim Regionalen Rechenzentrum Niedersachsen Kurse belegt und sich mit dem damals häufig auf den Internet-Servern verwendeten Betriebssystem Unix auseinander gesetzt hat. Später eignete er sich zudem Kenntnisse in den Programmiersprachen HTML, PERL und PHP an. „Ich habe damals noch gar nicht daran gedacht, das beruflich zu verwenden. Es hat mich einfach interessiert“, sagt er. Noch vor dem großen Internet-Hype jedoch jobbte er in den Semesterferien als Webdesigner. „Zu der Zeit war man noch ein seltsames buntes Tier, wenn man das konnte und bei den Firmen sehr willkommen“, erzählt er. Seine Diplomarbeit schrieb der heute 32-Jährige an der Universität in Stuttgart über das Thema Facility Management (Gebäudemanagement). Ihn reizte der große Anteil, den das Thema IT- und Softwareunterstützung einnahm. „Da hatte ich schon die Idee, dass ich meine IT-Kenntnisse auch später beruflich nutze, weil ich nicht der klassische Architekt werden wollte“, erzählt er. Nach dem Studium wollte er zunächst das Geld für eine Weltreise verdienen und heuerte als freier Mitarbeiter bei der Multimediaagentur Pixelpark an. „Die haben mich sehr bald zu einer Festanstellung gedrängt. Und ich fand es auch sehr spannend“, berichtet er. Durch die Arbeit dort hat er viel dazugelernt, unter anderem die Programmiersprache JAVA. Doch dann machte Pixelpark wegen finanzieller Schwierigkeiten die Dependance in Stuttgart dicht. Alle Mitarbeiter wurden entlassen. Nach der anstrengenden Zeit brauchte Florian Ebeling eine Pause, machte vier Monate Urlaub und zog von Stuttgart nach Berlin. Weil er immer noch nicht genau wusste, was sein Ziel war, arbeitete er als Webdesigner zunächst frei für eine Werbeagentur. Dann traf er in Berlin einen alten Kollegen von Pixelpark, der mittlerweile bei dem Softwareentwickler it-frameworksolutions angefangen hatte. Der animierte ihn, sich auch dort zu bewerben und vermittelte ihm einen Kontakt. Seitdem arbeitet Florian Ebeling als Softwareentwickler. In Projektarbeit – und teilweise auch als Projektleiter – erstellt er Softwarelösungen, die genau auf die Bedürfnisse des Auftraggebers zugeschnitten sind. Das Architekturstudium war dennoch nicht umsonst. So kommen Florian Ebeling die Planungstheorien, mit denen er sich intensiv beschäftigt hat, bei seiner täglichen Arbeit zu Gute. Die lassen sich seiner Erfahrung nach ebenso gut auf große Softwareprojekte anwenden wie auf große Bauprojekte. „Es geht darum, ein großes Projekt mit vielen sich überschneidenden Anforderungen mit einem großen Team zu entwickeln“, erklärt Florian Ebeling.
Hunger auf Lernen Weil Bernd-Georg Spies neue Herausforderungen liebt, liest sich sein Lebenslauf wie eine echte Patchwork-Karriere. Auch wenn der heute 49-jährige Personalberater anfangs dafür belächelt wurde, stand dies seinem Erfolg keinesfalls im Weg. Bernd-Georg Spies konnte sich noch nie vorstellen, 25 Jahre für ein Unternehmen zu arbeiten. „Dazu war ich viel zu neugierig und hatte einen zu großen Hunger auf Lernen“, sagt er. So hat der heute 49-jährige Partner bei der internationalen Personalberatung Russel Reynolds in seiner bisherigen beruflichen Laufbahn drei verschiedene Welten kennen gelernt: Er hat als Wissenschaftler, Politiker und Manager gearbeitet. Den ersten mutigen Wechsel vollzog Bernd-Georg Spies jedoch noch innerhalb der zuerst eingeschlagenen Laufbahn als Wissenschaftler. Er war nach seinem Wirtschaftsstudium an der Universität angestellt, hatte eine feste und gut bezahlte Stelle. „Aber mir fehlte noch die internationale Komponente“, erklärt Bernd-Georg Spies, der damals die Gelegenheit beim Schopf packte und seiner Lebensgefährtin nach England folgte. Abhalten davon konnte ihn weder die miserable Lage auf dem Arbeitsmarkt, noch der unsichere und schlecht bezahlte Job, den er schließlich in London fand. Heute sagt er dazu: „Der Weg nach England war abenteuerlich, aber wichtig. Die Erfahrung würde mir sonst heute fehlen“. Und er fügt hinzu: „Wer sich ausschließlich auf die monetäre Sicherheit konzentriert, verpasst unter Umständen spannende Erfahrungen.“ An diese Devise hat sich Bernd-Georg Spies auch später gehalten. So sind viele seiner Bekannten davon ausgegangen, dass er bei seinem jüngsten Wechsel von der Politik in die Personalberatung seine üppigen Pensionsrechte als Beamter nicht aufgibt. Dass er sich aus dem Staatsdienst nur beurlauben lässt, um die neue Herausforderung anzunehmen. Da kannten sie Bernd-Georg Spies jedoch schlecht. „Dieses Konzept fand ich abstrus“, sagt er. „Wenn ich mich auf etwas einlasse, dann voll ganz.“ Geplant hat Bernd Georg Spies den Wechsel in die Privatwirtschaft nicht. Er war Klient der Personalberatung Russel Reynolds, weil er einen Mitarbeiter suchte. Die Berater fanden, er sei kein typischer Ministerialer und boten ihm an, bei ihnen einzusteigen. „Erst fand ich das verrückt“, sagt Bernd-Georg Spies. Als er jedoch darüber nachdachte, hat er bemerkt: Es handelt es sich um eine hohe Position, es geht um eine weltweite Tätigkeit. „Zudem kann ich Menschen gut einschätzen“, sagt er. Obwohl die Karriere von Bernd-Georg Spies auf den ersten Blick zusammengewürfelt aussieht, gibt es durchaus einen roten Faden. So hat er zum Thema „Public Private Partnership in schwierigen Strukturen“ promoviert. Später hat er in Hamburg die Regierung beraten, die damals ein riesiges Problem mit der schlechten wirtschaftlichen Situation der Werften hatte. Denselben Job übernahm er später in Mecklenburg Vorpommern. Dazwischen managte er dort die Trägergesellschaft Schiffbau, die ebenfalls den gebeutelten Industriezweig wiederbeleben wollte. Bei seinen verschiedenen Stationen hat Bernd-Georg Spies sich mit der Zeit daran gewöhnt, unterschiedliche Sichtweisen einzunehmen. „Wenn Sie ein gesellschaftliches Problem haben, dann sieht der Manager dieses Problem ganz anders als der Beamte in der öffentlichen Verwaltung und auch anders als der Wissenschaftler oder der Politiker“, sagt Bernd-Georg Spies, der alle Seiten kennen gelernt hat und dies bei der Lösung vielschichtiger Probleme äußerst hilfreich findet. Von anderen wurde dieser Vorteil nicht immer gesehen: „Bei mir wurde die Patchwork-Karriere anfangs häufig belächelt“, sagt Bernd-Georg Spies. „Du kannst Dich nicht entscheiden, hat man gesagt“, oder: „Da fehlt die Geradlinigkeit.“ Heute – so glaubt der Berater - ist ein solcher Karriereweg nicht mehr so außergewöhnlich. Viele Unternehmen denken seiner Erfahrung nach bereits um und achten bei der Auswahl ihrer Mitarbeiter stärker auf die Einstellung zu ihrer Arbeit als auf das Studienfach. „Wichtig ist, dass man im Studium lernt, wie man wissenschaftlich und diszipliniert arbeitet und wie man Probleme löst“, erklärt er.
Selbstständig und flexibel Gestern hat Hedda Möller den Vorstand von Beiersdorf interviewt, heute präsentiert sie hochwertige Pflegeprodukte auf einer Luxusmesse. Geschickt nutzt die Diplom-Betriebswirtin und Fachzeitschriftenredakteurin die Chancen, die sich ihr als Selbstständige bieten. Gleich am Eingang der Luxus-Messe „Just fine“ in den Hamburger Deichtorhallen duftet es nach Rosen, Jasmin und Sandelholz, nach Mandarine, Vanille und Zimt. Das sind die Ingredienzen der Parfüme und Öle, die Hedda Möller hier präsentiert. Sie ist neuerdings Geschäftsführerin der Lifestyle-Agentur „Lily Rose“, die hochwertige Düfte und Hautpflegeprodukte herstellt und vermarktet. Für die 41-Jährige ist das nach ihrem Wirtschaftsstudium bereits die zweite berufliche Neuorientierung. Zuvor hat Hedda Möller als Wirtschaftsprüfungsassistentin und als Journalistin gearbeitet. „Den Journalismus möchte ich auch nicht aufgeben“, erklärt Hedda Möller, die in den vergangenen Jahren freiberuflich tätig war und neben ihrem neuen Job auch weiterhin Artikel schreiben will. Sie freut sich noch immer, wenn sie einen guten Artikel geschrieben hat und ihr Name in der Zeitung steht. „Besonders lukrativ ist das derzeit allerdings nicht“, sagt sie. So schlug Hedda Möller ein, als Kim Weisswange, eine bekannte Hamburger Parfümeurin und Aromatherapeutin, fragte, ob sie nicht die Vermarktung ihrer Produkte übernehmen wolle. Die Aufgabe bringt nicht nur mehr Geld, sondern ist ebenso wie das Schreiben ganz nach dem Geschmack der flexiblen Geschäftsfrau: „Es geht bei den Produkten um ein Lebensgefühl, die Psyche wird durch die schönen Düfte stimuliert. Ich stehe hundert Prozent dahinter“, erklärt Hedda Möller. Bei ihrer Arbeit als Wirtschaftsprüferin hingegen war die Begeisterung recht schnell verpufft. „Ich dachte zuerst, das ist spannend, weil ich viel unterwegs bin“, erklärt sie. Doch schnell wurden ihr Buchhaltung und Jahresabschlüsse langweilig. Als Hedda Möller schwanger wurde, war das für sie ein Signal, ihr Leben zu ändern. Die leidenschaftliche Tagebuchschreiberin hat in der Babypause Bücher übersetzt und einen Krimi geschrieben, mit dem sie einen Wettbewerb gewann. Als ihr Sohn ein Jahr alt war, hat sie sich bei Klett WBS für eine einjährige Weiterbildung zur Fachzeitschriftenredakteurin beworben und wurde genommen. „Das war noch einmal eine schöne Bestätigung“, sagt sie. Der Ansturm sei damals riesig gewesen. Nach Abschluss der Ausbildung arbeitete Hedda Möller zunächst als freie Journalistin. Sie schrieb über Wirtschaftsunternehmen, widmete sich Finanz- und Karrierethemen. Sie machte Urlaubsvertretungen, etwa beim Hamburger Abendblatt und der „Welt am Sonntag“. Zudem schrieb sie regelmäßig für eine Tochter der Nachrichtenagentur dpa. Zu Zeiten des Internetbooms nahm Hedda Möller einen Job bei dem New-Economy-Magazin „Net-Business“ an. Dort erlebte sie als angestellte Redakteurin die Hochphase ihrer Zunft, in der besonders Journalisten mit Wirtschaftskenntnissen händeringend gesucht und gut bezahlt wurden. Zwei Jahre später jedoch herrschte bei „Net-Business“ Endzeitstimmung. Zwei Entlassungswellen waren schon über die Redaktion gerauscht. „Witzig war das nicht“, sagt Hedda Möller. Vielen ihrer Kollegen machte die drohende Arbeitslosigkeit zu schaffen. Doch Hedda Möller war nach dem endgültigen Aus nicht wirklich traurig. „Das Angestelltenleben war noch nie das Größte für mich“, sagt sie. Sie gründete mit zwei ehemaligen Kollegen ein Journalistenbüro und konnte auf ihre alten Kontakte zurück greifen. Gemeinsam mit ihren Partnern übernahm sie zudem die Gestaltung von Kundenmagazinen von Wirtschaftsunternehmen. „Das ist schon super. Jeder hat seinen eigenen Bereich. Aber große Projekte können wir gemeinsam stemmen“, freut sich Hedda Möller. Synergieeffekte finden sich im Berufsleben von Hedda Möller ständig. Als BWLerin und Fachredakteurin schreibt sie über Wirtschaftsunternehmen. Für die neue Lifestyle-Agentur hat sie den Internet-Auftritt getextet und die Produkt- und Dienstleistungsinformationen geschrieben. Mit PR-Aufträgen, die die Unternehmerin als Journalistin bekommt, lässt sich wiederum die Produktion von Duftkreationen verbinden, die den Namen des Kunden tragen.
Auf Umwegen zum Erfolg Mit ihrem ersten Studium wurde Andrea Maragudakis nicht wirklich warm. Nach dem Diplom hat sie konsequent eine andere Richtung eingeschlagen. Zuerst hat Andrea Maragudakis Textil- und Bekleidungstechnik studiert. Doch irgendwie war sie damit nie richtig zufrieden. Nach der Diplomarbeit bewarb sie sich bei drei Firmen, bei denen sie dennoch gerne gearbeitet hätte. Als das nicht klappte, beschloss sie, das Kapitel abzuschließen. Nachdem sie sich für ein BWL-Aufbaustudium entschieden hatte, legte sie richtig los. „Ich habe mir einen Halbtagsjob in einer Unternehmensberatung gesucht und das Studium straff organisiert“, berichtet sie. Dazu hat sie sich mit fünf, sechs Leuten zusammengetan, die in einer ähnlichen Situation waren. „Das war richtig Teamarbeit“, schwärmt sie. Die Studierenden haben Arbeitsgruppen gebildet und abgesprochen, wer welche Vorlesung besucht. „Sonst hätte ich das gar nicht geschafft“, sagt die heute 36-Jährige. Bis 15 Uhr hat sie in Gladbach studiert, von 16 bis 22 Uhr bei der Unternehmensberatung in Düsseldorf gearbeitet. Der Job entwickelte sich parallel zum Studium sehr gut. „Erst habe ich Telefondienst gemacht und Flüge gebucht. Mehr und mehr bekam ich aber Freiräume und habe auch inhaltlich gearbeitet“, erzählt sie. Ihre zweite Diplomarbeit hat Andrea Maragudakis zum Thema Costumer Relationship Management (Kundenbeziehungsmangement) geschrieben. „Ein Professor hatte mir den Kontakt zu einem Softwareunternehmen vermittelt, für das ich eine Datenbank entwickelt habe“, erklärt sie. Das war nicht nur spannend, sondern hat ihr auch die Tür für den nächsten Job geöffnet: Ein Münchener Start up aus derselben Unternehmensgruppe, das CRM-Software entwickelte und vermarktete, machte ihr ein Angebot. „Die Arbeit und das Team waren toll“, sagt sie. Fünf Jahre hat sich Andrea Maragudakis bei dem Unternehmen sehr wohl gefühlt. Dann aber blieben die Aufträge aus. Als die Gehälter nicht mehr gezahlt werden konnten, und die Stimmung auf den Nullpunkt sank, machte sich Andrea Maragudakis Gedanken, wie es weiter gehen sollte, welche Chancen sie auf dem Arbeitsmarkt hat. Sie beschloss, eine Weiterbildung zur SAP-Beraterin zu machen, weil sie gemerkt hat, dass diese Qualifikation in ihrem Bereich sehr gefragt ist. „Wenn ich damit fertig bin, kann ich mir aussuchen, wo ich arbeite“, hat sie sich gesagt und ihren Plan überzeugend der Agentur für Arbeit vorgetragen, die die Fortbildung finanziert hat. Ganz so leicht war es doch nicht, als frisch gebackene SAP-Beraterin einen neuen Job zu finden. „Es dauerte ein halbes Jahr“, berichtet sie. Doch sie ließ sich nicht entmutigen, schrieb diszipliniert Bewerbungen. Zum Schluss hatte sie sogar drei sehr gute Angebote, aus denen sie auswählen konnte. „Wenn ich jetzt noch Berufserfahrung sammele, habe ich es geschafft“, sagt sie.
Von der Kriegsursachenforschung in die Werbung Als Wissenschaftler vertiefte sich der Diplom Politologe Peter Tautkus in die Kriegsursachenforschung. Heute gibt er als Leiter der strategischen Planung einer Werbeagentur die Kernbotschaften von Marken vor. Als Leiter der strategischen Planung bei der Werbeagentur J. Walter Thompson in Hamburg hat Peter Tautkus die Marken der großen Kunden im Blick. Er bestimmt die Botschaften, die durch die Werbung von Knorr, Jacobs und Philadelphia vermitteln werden sollen. Dabei orientiert er sich stark an den Verbrauchern. Um deren Bedürfnisse, Erwartungen und Wünsche herauszufinden, lässt er Umfragen durchführen, spricht selbst mit potenziellen Käufern oder hört ihnen bei Gruppendiskussionen zu. Dann formuliert Peter Tautkus einen einzigen Satz, die Kernbotschaft, die von der Kampagne transportiert werden soll. Hat er diese mit dem Auftraggeber besprochen, legen die Texter und Grafikdesigner los. Von seinem Job war Peter Tautkus von Anfang an begeistert. Bereits als Junior Planner hat er sich mit Elan in die Welt des WC-Reinigers Domestos gestürzt, sich in die Gedanken der Hausfrauen versetzt und sämtliche Reinigungsmittel ausprobiert, um sie besser zu verstehen. Dabei haben den überzeugten Werber während seines Studiums noch ganz andere Dinge gefesselt. Der heute 39-Jährige hat Politische Wissenschaft und Soziologie in Hamburg studiert. Sein Thema war die Kriegsforschung. Er arbeitete für die Forschungsstelle Kriege, Rüstung und Entwicklung am Institut für Politische Wissenschaft, untersuchte die Ursachen für den Nahostkonflikt und den Bürgerkrieg in Nordirland. Damals war für ihn klar: „Ich möchte Wissenschaftler werden.“ Nach seinem Abschluss als Diplom Politologe erhielt er ein Promotionsstipendium an der Universität Osnabrück. Eine seiner Veröffentlichungen aus dieser Zeit trägt den Titel: „Der Krieg in den Köpfen. Ein Vergleich der Belagerungsmentalitäten in Israel und bei den Protestanten Nordirlands.“ Doch mehr und mehr machte sich bei Peter Tautkus aufgrund der in seinen Augen spärlichen Nachwuchsförderung an den Universitäten das Gefühl breit, er würde „als hoch dekorierter akademischer Arbeitsloser“ enden. Als er eines Tages durch die Hamburger Uni ging, fiel ihm ein Plakat auf: „Lintas sucht Klugscheißer als Praktikanten in der strategischen Planung“, stand darauf. „Das hat mich angesprochen“, erzählt er. Er hat sich beworben und wurde auch genommen. „Dann stand ich da als Promotionsstipendiat und habe ein Praktikum gemacht. Das war schon hartes Brot“, erzählt Peter Tautkus. Nach einem Monat jedoch kam bereits das Angebot, ein Volontariat zu machen. Seine Laufbahn als strategischer Planer begann. In der Branche ist dieser Werdegang eher ungewöhnlich. Auf Kundenseite hat es Peter Tautkus fast ausschließlich mit Betriebswirten zu tun, und auch die meisten Kundenberater in den Agenturen haben BWL studiert. „Ich nutze mein Studium aber täglich“, erklärt Peter Tautkus und verweist auf die verstehende Soziologie von Max Weber oder die Systemtheorie von Niklas Luhmann. „Diese Gedanken prägen meine Berufsauffassung, auch wenn ich mit den Kunden nicht direkt darüber spreche“, sagt er. Beim Einkaufen im Supermarkt wendet er die soziologische Methode namens „teilnehmende Beobachtung“ an. „Ich stehe vor dem Frischkäseregal und schaue den Kunden zu. Wie der eine blind eine Marke greift und der andere zögert und lange überlegt“, erklärt der begeisterte Werber. Peter Tautkus ist überzeugt davon, dass seine Sichtweise als Geisteswissenschaftler oftmals neue Impulse bringt. „Wirtschaftswissenschaftler verkürzen gesellschaftliche Zusammenhänge häufig auf das Geschäft“, erklärt er. Seine Bekannten sagen manchmal: „erst Israel, dann Tütensuppen“ und wundern sich über die Fähigkeit, sich für zwei Dinge zu begeistern, die unterschiedlicher kaum sein können. Doch wenn man genauer hinschaut und kurz einmal davon absieht, dass der Krieg ein Thema von ganz anderer gesellschaftlicher Tragweite ist, schimmert der rote Faden durch: „Das Wichtige bei der Kriegsursachenforschung ist es, sich in das Denken der Beteiligten hineinzuversetzen. Das sind ja auch Menschen“, erklärt der Politikwissenschaftler und Soziologe, der ein Jahr lang in einem Kibbuz in Israel gelebt hat. „Und sie reagieren nicht nur rational, sondern fühlen das auch so.“ Da könne man sich nicht in Deutschland hinsetzen und entscheiden, was richtig und was falsch ist. Auch bei seinem Job in der Werbeagentur geht es darum, die Menschen ernst zu nehmen und zu verstehen. „Marken gibt es ja nicht, weil irgendjemand ein Produkt mit einem bestimmten Schriftzug ins Regal stellt. Marken finden im Kopf der Verbraucher statt. Erst, wenn für sie Nivea mild und pflegend ist, hat es funktioniert“, erklärt Peter Tautkus. ANDREA BITTELMEYER
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