|
TOMORROW 10/2002 Flirten gegen die Eieruhr Zehn MĂ€nner an einem Abend? Das klingt verlockend. TOMORROW-Autorin Andrea Bittelmeyer hat Speed Dating ausprobiert. Der erste Mann heiĂt Christian. Das steht auf seinem Namensschild. Alter um die 30, perfekt rasiert, trĂ€gt Anzug und Krawatte. Er begrĂŒĂt mich mit energischem Handschlag. âWie war Dein Arbeitstag?â, fragt er. âEntspanntâ, sage ich. Und schon poltert er los: âEntspannt also. Dein Job soll wohl in erster Linie bequem sein!â Christian arbeitet als Headhunter. Und so fĂŒhrt er sich auch auf. âDu machst doch bestimmt was Soziales!â, wirft er mir als nĂ€chstes an den Kopf. Sein wenig charmantes Verhör nervt mich. Ein paar SĂ€tze spĂ€ter spiele ich mit dem Gedanken, auf die Toilette zu flĂŒchten. Aber das ist gar nicht nötig: Es ertönt ein Klingeln. Christian geht. Der zweite Mann kommt. Ich sitze beim Speed Dating. Und bei dieser neuen Variante der Jagd nach dem Traumpartner gibt es feste Regeln: Jeweils ein weiblicher und ein mĂ€nnlicher Single sitzen sich an einem Tisch gegenĂŒber. Sie haben sieben Minuten Zeit, sich zu unterhalten. Dann klingelt es. Die Frauen bleiben an ihrem Platz. Die MĂ€nner ziehen einen Tisch weiter. Die Spannung steigt: Wird das nĂ€chste GesprĂ€ch verkrampft? Wird es nett? Oder gar ein heiĂer Flirt gegen die Uhr? Getroffen haben wir uns am frĂŒhen Abend in einem Hamburger CafĂ©. Wir sind zehn MĂ€nner und zehn Frauen im Alter von Mitte 20 bis Anfang 40. Andrea Riek vom Veranstalter, der Agentur âBlind Date Dinner and Moreâ, hat uns begrĂŒĂt und den Ablauf erklĂ€rt. Ich konnte schon einmal einen Blick auf meine Mitstreiter werfen. Sie sehen ganz normal und nett aus: Die Frauen sind keine schĂŒchternen MauerblĂŒmchen. Die MĂ€nner keine dickbĂ€uchigen Restposten. Ich bin erleichtert. Die anderen GĂ€ste in dem CafĂ© beachten uns kaum, die meisten genieĂen den lauen Sommerabend ohnehin drauĂen. Wir sitzen an Zweier-Tischen, können also hemmungslos flirten â zumindest theoretisch. Denn: Ăber was rede ich mit einem wildfremden Mann, den ich nur treffe, weil wir beide 25 Euro dafĂŒr bezahlt haben? Vielleicht hĂ€tte ich mir ein paar schlaue Fragen ausdenken sollen? Aber dazu ist es jetzt zu spĂ€t. Nach meinem Fehlstart mit dem Headhunter versuche ich, einem schĂŒchternen SchnauzbarttrĂ€ger im rot-karierten Hemd ein paar Worte zu entlocken. Er findet Speed Dating anstrengend und unromantisch. Mag weder fragen, noch antworten. Ich erzĂ€hle ihm, dass ich seit zwei Jahren in Hamburg lebe, dass es mir hier gut gefĂ€llt... Irgendwie auch nicht gerade einfallsreich. Wieder bin ich froh, als es klingelt. Wenn ich einen Mann gut finde, kann ich auf meiner Speed-Dating-Karte ein Kreuz hinter seinen Namen setzen. Tut er das auch bei mir, bekomme ich von der Agentur seine E-Mail-Adresse oder Telefonnummer. Und er meine. Beim Speed Blind Date gibt es keine Direkt-Absage. Keine gestammelten GestĂ€ndnisse, dass es wohl kein nĂ€chstes Treffen gibt. Die Idee kommt aus den USA. Aber auch die deutschen Singles finden Gefallen daran. Blind Date Dinner and More bietet die âSpeediesâ von Berlin bis MĂŒnchen bereits in zwölf StĂ€dten an. Allein in Hamburg gibt es in diesem Monat drei Termine. Geknallt hat es bei mir noch nicht. Ich komme aber in Fahrt. Verliere die Scheu davor, die MĂ€nner einfach nach ihrem Beruf und ihren Hobbys zu fragen. Kurz stelle ich mir vor, wie ich mit Klaus, dem KapitĂ€n, auf seinem Frachter die Elbe hoch und runter schippere. Oder wie mich Michael, der SchokoladenverkĂ€ufer, mit SĂŒĂigkeiten verwöhnt. Ich plaudere mit Martin. Er ist nett, natĂŒrlich und aufgeschlossen. Arbeitet als Jurist und kommt vom Bodensee. Er wohnt erst seit fĂŒnf Tagen in Hamburg und dachte, er probiert es einfach mal aus. Er ist wirklich nett. Mit ihm könnte man bestimmt lustige Abende verbringen. Irgendwann merke ich, dass zehn MĂ€nner ganz schön viel sind. Namen flitzen durch meinen Kopf. Gesichter ziehen an mir vorbei. Mein letzter GesprĂ€chspartner sagt, dass er gar nicht mehr weiĂ, wie die Frauen waren, die er getroffen hat. Bestimmt hat er seine Kreuze ganz falsch gemacht. Ich komme ins GrĂŒbeln: Auch ich erinnere mich nur noch vage an den Kandidaten, den ich auserwĂ€hlt habe. Meine Karte sagt, er heiĂt Dirk und kam als Nummer fĂŒnf. Er sah sympathisch aus, hatte LachfĂ€ltchen und erste graue Haare. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn auf der StraĂe wiedererkennen wĂŒrde und habe keinen Schimmer mehr, was wir geredet haben. Kann es dann ĂŒberhaupt der Richtige sein? Doch Zögern gilt nicht. Die Speed-Dating-Karten werden eingesammelt. Wer mag, kann den Abend jedoch gemeinsam ausklingen lassen. Die ersten haben sich an einen groĂen Tisch gesetzt. Unter ihnen der Jurist und die hĂŒbsche Blondine, die einen Tisch vor mir 70 Minuten lang gegen die Uhr gedatet hat. Ein PĂ€rchen ist schon wieder ins GesprĂ€ch vertieft. Da hat es bestimmt gefunkt. Ich halte nach Dirk Ausschau. WĂ€re ja nett, ein bisschen mehr von ihm zu erfahren. Er ist verschwunden. Und ich bin jetzt erst einmal neugierig, ob er mich auch angekreuzt hat. Noch am selben Abend landet seine E-Mail-Adresse in meinem Postfach. Zumindest das hat geklappt. âEin bis zwei Ăbereinstimmungen hat ein Teilnehmer im Durchschnittâ, erklĂ€rt mir Andrea Riek ein paar Tage spĂ€ter am Telefon. Der erfolgreichste Mann bei unserem Speed-Dating hatte sogar fĂŒnf. Vielleicht war es Dirk. Und er hat seine Traumfrau bereits unter meinen vier Mitbewerberinnen gefunden. Das wĂ€re eine ErklĂ€rung dafĂŒr, dass er sich noch nicht gemeldet hat. Vielleicht aber hat er - genau wie ich - einfach nur Bammel vor einem zweiten Treffen. So ganz ohne Klingeln und Eieruhr.
ANDREA BITTELMEYER
|