managerSeminare August/September 2002
 

Zwischen Malen und Zahlen

Man trifft sie in Ateliers und Museen. Sie diskutieren über Bilder und bauen Skulpturen. Die Rede ist nicht etwa von Kunstbeflissenen, sondern von ganz normalen Mitarbeitern. In turbulenten Zeiten verordnen die Unternehmen ihnen nämlich die Beschäftigung mit Kunst. Das Ziel: Persönlichkeitsentwicklung.

Thomas Schädler hält nichts von starren Regeln. Der Geschäftsführer des IT-Unternehmens Solectron in der Nähe von Stuttgart mag Stellenbeschreibungen ebenso wenig wie Patentrezepte. Viel lieber konfrontiert er seine Mitarbeiter mit Neuem: Um seine Firma für die Turbulenzen der High-Tech-Branche zu rüsten, hat er für 14 Monate eine Künstlerin engagiert. Mit ihr bauten seine 600 Mitarbeiter Skulpturen, malten Bilder, gestalteten die Räume und Produktionsstätten um. Am Ende stand die Ausstellung „Reisespuren eines Unternehmens im Wandel“.

Schädler hat auf eine außergewöhnliche Form der Personalentwicklung gesetzt und liegt damit im Trend: Bei großen Unternehmen wie dem dm Drogeriemarkt, Audi und VW haben Seminare und Workshops in Ateliers und Museen bereits Einzug in das Fortbildungsprogramm gehalten. Management-Trainer wie der Augsburger Andreas Goetz, die seit Jahren auf das Zusammenspiel von Kunst und Wirtschaft setzen, berichten von steigender Nachfrage. Forschungsprojekte zum Thema sind kürzlich am Institut für Bildung und Kultur in Remscheid und an der Universität Witten Herdecke gestartet.

Michael Bockemühl, der das Projekt „Wirtschaftskultur und Kunst“ an der Universität Witten Herdecke leitet, sieht den Grund für das große Interesse in der Suche nach Trainings-Konzepten, die einerseits neu sind und andererseits den Anforderungen an ein modernes Unternehmen gerecht werden. Für den Professor für Kunstwissenschaft, Ästhetik und Kunstvermittlung, der den Wirtschaftsstudenten der Universität im sogenannten Studium fundamentale Literatur, Musik und Malerei näher bringt, tun sich in der Kombination von Kunst und Wirtschaft ungeahnte Möglichkeiten für die Personalentwicklung auf: „Klassische Trainings sind häufig nur Krücken“, sagt er. Kunst hingegen habe die Kraft der Entwicklung.

Die Selbstkompetenz der Mitarbeiter stärken

Deutlich macht diesen Gedanken die Idee von Solectron-Geschäftsführer Thomas Schädler. Er wollte seinen Mitarbeitern keine fertigen Konzepte vorsetzen. Sie sollten bei der künstlerischen Betätigung selbst die Vision von einem Unternehmen entwickeln, das sich im schnellen Auf und Ab, im permanenten Wandel der IT-Branche besser bewähren kann. Und nicht nur das: Das Projekt sollte die Wahrnehmungs- und Handlungsfähigkeit der Mitarbeiter stärken. In einer Zeit, in der es keine klaren Regeln und Strukturen mehr gibt, die Kunden ständig wechseln und die Auftragslage schwankt, muss seiner Ansicht nach in erster Linie die Selbstkompetenz der Mitarbeiter verbessert werden.

Um Persönlichkeitsentwicklung geht es auch Mariott Stollsteiner. Die Devise der Künstlerin, die bereits seit 14 Jahren Unternehmen berät, lautet: „Ein starkes Wir muss aus starken Ichs bestehen“. Und eines stellt sie sofort klar: „Ich gebe keine Aquarell-Kurse, sonst wäre ich an der Volkshochschule“. Ob jemand malen kann oder nicht, spielt keine Rolle. „Sie werden Ihre Werke ohnehin zerreißen“, erklärt sie ihren verdutzten Teilnehmern. Denn: Es kommt auf den Prozess an. Die Vorgänge bei der Erschaffung eines Kunstwerks werden genutzt, um Handlungsabläufe im Unternehmen zu verdeutlichen. Damit ist auch mit der zweiten Befürchtung aufgeräumt: Den Trainern geht es nicht darum, die Malversuche psychologisch aufzubereiten.

„Es sollen Fähigkeiten in den Menschen wach werden“, sagt Professor Bockemühl, der neben seiner Lehrtätigkeit an der Universität auch Unternehmen berät. Die Mitarbeiter sollen bei der freien künstlerischen Beschäftigung erleben, dass sie etwas gestalten können, was es vorher noch nicht gegeben hat. Sie erfahren bei der Bildbetrachtung, was es heißt, genau zu beobachten. Und sie lernen die Krisen und Erfolgsmomente eines Künstlers kennen. Ein von Mariott Stollsteiner und ihrem Kölner Unternehmen art & business konzipiertes Weiterbildungsprogramm heißt sogar „Fähigkeitenwerkstatt“. Vor drei Jahren hat es die Künstlerin, die mittlerweile zehn freie Kollegen für ihre verschiedenen Projekte beschäftigt, beim dm Drogeriemarkt eingeführt. An den Workshops nehmen die Mitarbeiter aller Hierachien regelmäßig teil.„Unsere Mitarbeiter sollen lernen, den Umgang mit Neuem mutiger und selbstsicherer zu gestalten“, erklärt Geschäftsführer Michael J. Kolodziej. Kunst öffnet seiner Ansicht nach die Grenzen der Gewohnheit.

Blau ist blau

Ob die Mitarbeiter eines Unternehmens mit Mariott Stollsteiner oder Andreas Goetz malen oder mit Professor Bockemühl Streifzüge durchs Museum unternehmen: Die erste Lektion der Trainings ist immer die genaue und vorurteilsfreie Wahrnehmung: „Blau ist blau und rot ist rot“, erklärt Stollsteiner. Nach Ansicht der Künstlerin werten wir im Alltag viel zu schnell nach bekannten Mustern: Ein Bild gefällt mir oder es gefällt mir nicht. Einen Kollegen im Unternehmen mag ich oder mag ich nicht. Dabei kann näheres Hinschauen ganz andere Eindrücke hervorrufen: In einem Bild entsteht aus Gitternetzlinien eine Pyramide, die Idee des neuen Mitarbeiters ist vielleicht doch nicht so unmöglich. „Es geht darum, auf die differenzierten Qualitäten zu achten“, sagt Stollsteiner.

Hinzu kommt die Betrachtung aus mehreren Perspektiven. Das wird deutlich, wenn Stollsteiner die Mitarbeiter eines Unternehmens um eine Skulptur herumgehen lässt, die von hinten anders aussieht als von vorne, oder wenn die Teilnehmer der Kurse von Andreas Goetz über ihr fertig gestelltes Bild dasselbe Motiv aus einem anderen Blickwinkel zeichnen müssen. Bei dieser Übung zeigt sich der Lerneffekt ganz deutlich und emotional. Gern übermalt niemand ein Bild, das er soeben mühevoll vollendet hat.

„Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass wir fertig sind, dass alte Erfahrungsmuster passen oder wir alles wissen“, sagt Goetz, der mit seinen Seminaren bereits VW, Audi und Daimler Chrysler überzeugt hat. Das Vorurteil, dass sich mit Kunst ausschließlich Kreativität trainieren lässt, räumt der Künstler und Management-Trainer ganz schnell aus. „Wenn ein Mitarbeiter ein Kunstwerk beschreibt und der andere es nicht sehen kann, aber malen soll, werden unklare Anweisungen sofort für alle sichtbar“, sagt Goetz. Der springende Punkt bei dieser Übung ist die Kommunikation. Und er hat auch gleich das nächste Beispiel parat: Zwei Manager malen gemeinsam ein Bild, ohne miteinander zu sprechen. Beim Betrachten ihres Werkes erkennen sie: Der eine hat die gesamte Struktur vorgegeben, der andere lediglich reagiert. Solche Verhaltensweisen erleben die Mitarbeiter dabei zunächst losgelöst von ihrem Berufsleben.

KĂĽnstler sind ReisefĂĽhrer

„Kunst eröffnet ein Lernfeld, in welchem Emotion und Handeln unmittelbar sichtbar werden“, ist sich auch Kolodziej vom dm Drogeriemarkt sicher. In diesem verstehen sich die KĂĽnstler wie Gisela Glucker, die das Unternehmen Solectron begleitet hat, als ReisefĂĽhrer, nicht als Wissensvermittler.  „Wenn ich Schulungen zum Thema Kundenservice mache, bringe ich den Mitarbeitern keine SprĂĽchlein bei und schreibe ihnen auch nicht vor, was sie in einer bestimmten Situation tun sollen“, verdeutlicht Goetz. Viel mehr gehe es darum, dass die Seminarteilnehmer die EindrĂĽcke von der differenzierten Wahrnehmung mit an den Arbeitsplatz nehmen, sich zum Beispiel fragen: „Was will dieser Kunde genau? Will er ein Auto mieten? Oder hat er vielleicht schon eines und es gibt ein Problem damit?“

Die Verbindung zum Beruf wird auch an anderen Stellen der Seminare sehr schnell deutlich: Wer einmal in ein Holz gehackt hat oder einen dicken Strich auf ein weißes Papier gemalt hat, ist nicht mehr frei, hat einen Prozess begonnen und muss Unsicherheiten aushalten. Aber wenn das Kunstwerk fertig ist, steht die Botschaft: „Ich muss keine Panik bekommen, ich bin schöpferisch und kann Vertrauen in den Prozess haben“, erklärt Stollsteiner. Schädler preist zudem die Verdeutlichung der Integration von Denken, Reden und Tun: „Irgendwann einmal muss ich den Mut haben, eine Farbe zu übermalen, wenn sie mir nicht gefällt.“

Die Parallelen zum Job arbeiten die Mitarbeiter gemeinsam mit den Künstlern heraus. Für ein erfolgreiches Training ist es daher wichtig, dass der Künstler die Unternehmenswelt kennt und die Verbindung herstellen kann. Das ist nicht immer leicht. Gisela Glucker, die bei Solectron zum ersten Mal ein solches Projekt geleitet hat, berichtet von anfänglichen Kommunikationsproblemen. „Ich hatte mit Galeristen und Künstlern zu tun, ich weiß, was Komplementärfarben sind. Natürlich hatte ich auch schon einmal etwas von Feedback gehört. Aber was genau ist eine Feedbackschleife?“.

Die Zweifler ĂĽberzeugen

„Das sind zwei vollkommen verschiedenen Sprachen, aber die beiden Seiten müssen zusammen kommen“, sagt Kunstwissenschaftler Bockemühl. Die Mitarbeiter dürften nicht aus einem Seminar kommen und lediglich zu berichten haben: „Wir haben gemalt“. Um solchen Missverständnissen vorzubeugen, sollte das ungewöhnliche Trainingsangebot auch in jedem Fall mit den Verantwortlichen im Unternehmen besprochen werden. „Am besten fängt man sogar bei den Managern an“, sagt der Mann, der Führungskräfte durch Museen führt und sie so lange an Kunstwerken vorbei gehen lässt, bis diese sich vor ihren Augen verändern.

Aus der Luft gegriffen ist die BefĂĽrchtung nicht, dass die Kunst im Unternehmen auf Skepsis stößt. Thomas Schädler, der mit seinen FĂĽhrungskräften ebenfalls mit gutem Beispiel vorangegangen ist, war sich dessen bewusst. „Ich habe einkalkuliert, dass mich meine Mitarbeiter fĂĽr verrĂĽckt halten“, sagt er. Und einige hätten das Angebot – die Workshops waren freiwillig – auch nicht angenommen und sich zudem darĂĽber aufgeregt, dass die anderen nicht arbeiten mĂĽssen, sondern malen.  „Gott sei Dank waren es nicht so viele“, sagt Schädler, der sich davon nicht beirren lässt.

Das Konzept bei Solectron war offen. Schädler entwickelte die Grundidee gemeinsam mit der Künstlerin Gisela Glucker und setzte dann auf Eigendynamik. „Die Mitarbeiter sind mit Vorschlägen zu mir gekommen“, berichtet Glucker. „Wir haben Skulpturen zum Thema „Solectron im Wandel“ gebaut. Wir haben aber auch das Bild des Managers oder das Unternehmen als Netzwerk thematisiert. Über die entstandenen Werke, sind wir immer wieder ins Gespräch gekommen.“ Dass die Mitarbeiter ihre Kunstwerke meist in Gruppen erstellt haben, hat zusätzlich die Kommunikation unter ihnen gefördert.

Auch Mariott Stollsteiner und Professor Bockemühl bieten Unternehmen keine Standardseminare an. Sie gehen in das Unternehmen mit ihrem Blickwinkel als Künstlerin oder Kunstwissenschaftler und überlegen gemeinsam mit dem Management, wo die Knackpunkte liegen, welche künstlerischen Erfahrungen helfen können. So hat Stollsteiner schon Seminare gegeben, die den „Creator“ oder die „Creatorin“ in den Mitarbeitern wecken sollten, aber auch Projekte betreut, bei denen die Teamarbeit in einem Unternehmen oder sogar die Zusammenarbeit zweier Firmen gefördert werden sollte. Dann kann es passieren, dass später bei einer Auseinandersetzung zwischen Verkäufer und Einkäufer einer sagt: „Ich denke gerade daran, was das für ein Schock war, als Du plötzlich meine Tonfigur weiter bearbeiten solltest.“ Solche Erfahrungen reißen die Schranken nieder, ist sich Stollsteiner sicher.

Manchmal auch kontraproduktiv

Nicht aus jedem Vorgespräch wird jedoch ein erfolgreiches Training. „Man merkt schnell, wenn ein Unternehmen und ich nicht zusammen passen“, sagt Stollsteiner. Kunst muss auch zur Kultur des Unternehmens passen. „Wenn ein Unternehmen seinen Mitarbeitern nicht genügend Freiräume lässt, bin ich sogar kontraproduktiv“, sagt sie und erinnert sich an ein Projekt in einem amerikanischen Unternehmen, das von einer begeisterten Einzelperson initiiert wurde. „Die Mitarbeiter haben mich entsetzt angeschaut und gefragt, was sie damit in ihrem stark hierarchiegeprägten Unternehmen sollen“, berichtet sie. „Wir haben dann viel über persönliche Schicksale gesprochen. Es war das einzige Seminar, das ich dort gegeben habe.“

Der dm Drogeriemarkt und die Droege & Comp. Unternehmerberatung (siehe auch Kasten) hingegen wollen die Künstler nicht so schnell gehen lassen. „Bei diesen Firmen nimmt die Kunst Einfluss auf die gesamte Unternehmenskultur“, erklärt Bockemühl. In beiden Unternehmen entstanden nach und nach immer weitere Angebote - von Führungskräftetrainings über Seminare für die Auszubildenden bis hin zu firmenübergreifenden Workshops. Die Grundsätze der Kunst gehen so in den Alltag des Unternehmens über. Die Mitarbeiter sollen laut Bockemühl möglichst in ihrem Job ausleben können, was bereits Joseph Beuys gesagt hat: „In jedem steckt ein Künstler.“

Trotz aller Euphorie: „Personalentwicklung ist ein langsamer Prozess“, sagt Bockemühl, der die Prinzipien von Kunst auch gerne an Schillers Ästhetik erklärt und gemeinsam mit Managern das Zusammenspiel von Chaos und Gestalt reflektiert. Hinzu komme, dass sich die Erfahrungen aus den künstlerischen Seminaren häufig nicht eins zu eins im Unternehmen umsetzen lassen. Der vermeintliche Umweg ist seiner Ansicht nach aber die Abkürzung. Und auch Thomas Schädler glaubt fest daran, die richtige Richtung eingeschlagen zu haben. Kürzlich haben ihn seine Mitarbeiter gefragt, ob sie nicht ein Theaterstück zum Wandel von Solectron aufführen sollen. Seine Antwort: „Nicht fragen, einfach machen!“

ANDREA BITTELMEYER

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