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managerSeminare März 2006 Manager lernen von der Natur Ingenieure sind bereits seit einiger Zeit begeisterte Naturforscher: Bei der Produktentwicklung ahmen sie die Leuchtkraft von Schmetterlingen nach, machen sich das Prinzip der Haftkraft von Geckofüßen zunutze und untersuchen das Geheimnis der Reißfestigkeit von Spinnenfäden. Nun werden auch Führungskräfte und Personalentwickler an die Wunder der Natur herangeführt. Vor einigen Jahren entdeckte Klaus Götz, damals Leiter der Personalentwicklung bei DaimlerChrysler, in seinem Garten ein spannendes Thema für seinen Job. Als er gemeinsam mit einem Bekannten, dem Leiter der Botaniksektion des Stuttgarter Naturkundemuseums, seine Pflanzen inspizierte, erzählte ihm dieser von Konkurrenz und Wettbewerb, von Netzwerken und Kooperationen in der Natur. „Das klingt doch stark nach Management und Organisation“, dachte sich Götz und beschloss – als Personalentwickler in einem großen Wirtschaftsunternehmen stets auf der Suche nach innovativen Konzepten – der Sache auf den Grund zu gehen. Götz war schnell begeistert. Bei DaimlerChrysler initiierte er Seminare und Forschungsprojekte zum Thema. Heute untersucht er die Parallelen zwischen Natur und Wirtschaftswelt als Leiter des Zentrums für Human Resource Management an der Universität Koblenz-Landau. In Workshops für Firmen beobachtet er mit den Führungskräften zum Beispiel die Blattschneideameisen im Stuttgarter Naturkundemuseum. Gegenstand des Interesses ist unter anderem deren ausgeklügeltes Konzept beim Beschaffen und Lagern ihrer Nahrung. Lehrmeister Natur: Uralt und unsagbar weise Der Personalentwickler und Wissenschaftler ist jedoch nicht der Einzige, der Vergleiche zwischen Wirtschaftsunternehmen und Natur als zukunftsweisendes Forschungsfeld ausgemacht hat. Vor allem international, aber auch verstärkt im deutschsprachigen Raum, widmen sich an Universitäten und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen Tier- und Pflanzenforscher zunehmend den Themen Management und Organisation und bieten Vorträge und Workshops für Führungskräfte an. Und auch namhafte Beratungsinstitute haben das Thema mittlerweile für sich entdeckt. „Wir wollen dafür sorgen, dass Lernen von der Natur ein Thema für das Top-Management wird“, erklärt Martin Pfiffner vom Malik Management Zentrum St. Gallen, das zu diesem Zweck im Frühjahr einen großen Kongress veranstaltet (siehe Servicekasten). Aus den Biowissenschaften kommen seiner Ansicht nach wichtige Impulse dafür, wie ein Unternehmen mit Komplexität umgehen und in turbulenten Zeiten seine Lebensfähigkeit erhalten kann. Pfiffner: „Die Natur ist dafür das älteste Lernlabor. Sie meistert diese zentralen Herausforderungen seit vier Milliarden Jahren und hat unzählige Beispiele hervorgebracht, von denen wir uns inspirieren lassen können – etwa wenn es um Reaktionsschnelligkeit, Anpassungsfähigkeit und Effizienz geht.“ Bislang sind es jedoch vor allem die Ingenieure, die sich an Fauna und Flora orientieren. Bei ihnen hat sich die entsprechende Forschungsrichtung namens Bionik bereits etabliert. Zu den bekanntesten Entdeckungen zählt der selbstreinigende Effekt der Lotusblüte, der bereits bei der Herstellung von Markisen und Wandfarben zum Einsatz kommt. Fasziniert sind die Forscher auch von der Leuchtkraft bestimmter Schmetterlinge, der Haftkraft von Geckofüßen oder der Reißfestigkeit von Spinnenfäden. Der Kofferfisch als Vorbild für eine Auto-Karosserie Ingenieure von DaimlerChrysler haben jüngst eine Studie zu einem Auto nach dem Vorbild der Natur vorgelegt. Ihr Konzeptfahrzeug „Bionic Car“ orientiert sich am Kofferfisch, den sie gemeinsam mit renommierten Bionikforschern in der Südsee aufgespürt haben. Unter anderem wurde das einzigartige Bauprinzip der Haut des Fisches nachgebildet. Das Ergebnis: Die Karosserie bringt bei gleichbleibender Stabilität, Steifigkeit und Crashsicherheit rund ein Drittel weniger Gewicht auf die Waage. Ähnlich bahnbrechende Erkenntnisse und Ergebnisse erhoffen sich die Berater auch für Management- und Organisationsprozesse. „Wie in Unternehmen geht es bei Tieren und Pflanzen darum, möglichst optimal mit den vorhandenen Ressourcen umzugehen“, erklärt Thomas Birner, Biologe und Unternehmensberater aus Bayerisch Gmain, warum auch hier Vergleiche viel versprechend sind. Beobachte man etwa die Beziehung zwischen Pflanzen und Bestäubern oder das Verhalten von Tieren bei der Nahrungssuche, gehe es da sehr stark ökonomisch zu. Es werde immer überlegt: Was investiere ich? Was bekomme ich heraus? Bei der Gestaltung von Organisationsstrukturen nach natürlichem Vorbild seien die Übertragungsmöglichkeiten jedoch schwieriger zu erkennen als bei technischen Fragen: „Für Ingenieure gibt es zum Beispiel die Delfinhaut. Die hat eine bestimmte Oberflächenstruktur. Und die versuche ich als Ingenieur nachzubauen, zum Beispiel für mein U-Boot“, verdeutlicht Birner. Bei der Wirtschaftsbionik – wie die Disziplin in Bezug auf Management und Organisation genannt wird – sei die Lösung sehr viel weiter entfernt von ihrem Vorbild. Es handele sich um abstraktere Analogien bzw. um die Übertragung von Prinzipien. Was Manager von Wüstenblumen lernen können So kann es bei der Suche nach funktionalen Lösungen im Logistikbereich etwa darum gehen, wie es eine Pflanze schafft, genau die richtige Menge Nährstoffe zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu haben. Bei der Frage nach der passenden Strategie für unsichere Märkte könne man zum Beispiel schauen, wie eine Pflanzenart in der Wüste überleben kann, obwohl sie nie weiß, wann der nächste Wassertropfen kommt. „Zunächst geht es darum, ein passendes Beispiel in der Natur auszuwählen und dieses genau zu untersuchen“, erklärt der Berater weiter. „Dann muss eine sinnvolle Übersetzung gefunden werden.“ Von Wüstenblumen, die nach einem Regen ganz plötzlich aus dem Sand auftauchen, ihre Samen streuen und wieder absterben, könne man beispielsweise lernen: In einem instabilen Umfeld gilt es, die Fixkosten gering zu halten und blitzschnell zu reagieren. Für Thomas Birner ist die Arbeit auf dem Feld der Wirtschaftsbionik im Idealfall eine enge Gemeinschaftsarbeit zwischen Biologen, Unternehmensberatern und den Führungskräften des betreffenden Unternehmens. Die Biologen leisten die Forschung und erklären, was in der Natur vor sich geht, die Berater helfen bei der Übertragung der Erkenntnisse in die Managementsprache. In Zusammenarbeit mit den Führungskräften geht es schließlich darum, die richtige Anwendung für das Unternehmen zu finden. In Übereinstimmung mit den anderen Experten erklärt Birner jedoch auch: „Für eine solche Zusammenarbeit gibt es bislang kaum praktische Beispiele.“ Und auch die Forschung steckt noch in den Kinderschuhen. „Weltweit gibt es nur eine Hand voll Biologen und Ökonomen, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigen“, ergänzt Jürgen Heinze, Biologieprofessor an der Universität Regensburg. Dabei gibt es – glaubt man den sich mehrenden Kongress- und Vortragsprogrammen – zahllose Phänomene, deren genauere Untersuchung lohnenswert wäre (siehe auch Kasten „Denkanstöße aus der Natur“). Etwa: Welche Kommunikationsprozesse laufen in einer Pflanze ab? Wie werden in Ameisenstaaten Konflikte gelöst? Wie lässt sich das Prinzip der Evolution – also von Mutation und Selektion bzw. Versuch und Irrtum – auf ein Unternehmen übertragen? Oder: Wie überwinden natürliche Systeme Krisen und Katastrophen? Vorbild Ameisenstaat: Perfekt organisiert Zu den Phänomenen, für die sich die kleine Schar der Wirtschaftsbioniker schon heute ganz besonders interessiert, gehört das Prinzip der Selbstorganisation. Von der Pflanze bis zum menschlichen Körper lässt es sich überall in der Natur finden. Sehr gut beobachten kann man es bei staatenbildenden Insekten. So sind etwa die Ameisen, deren Organisationsform sich bereits über 60 Millionen Jahre optimieren konnte, ohne Oberaufsicht tätig. Trotzdem bauen sie gemeinsam Ameisenhügel, kümmern sich um die Larven und beschaffen im Team Nahrung für den gesamten Staat. Bei den emsigen Krabblern, die fast überall in der Ökosphäre vorkommen, zeigt sich auch das zweite, derzeit hochgelobte Prinzip aus der Natur: die Schwarmintelligenz. Damit gemeint ist folgende Beobachtung: Obwohl die Interaktionen der Ameisen relativ primitiv sind, resultieren aus ihnen wirkungsvolle Lösungen für komplexe Problemstellungen, zum Beispiel das Auffinden des kürzesten Weges zu einer Futterquelle. Das funktioniert bei einigen Ameisenarten so: Auf der Suche nach einer Nahrungsquelle strömen die Ameisen aus. Sind sie fündig geworden, tragen sie Futter in das Nest zurück und hinterlassen dabei eine Duftspur, der die anderen Ameisen folgen. Weil die Ameisen auf dem kürzesten Weg am schnellsten sind, erhält dieser den stärksten Duft, die längeren Wege sterben allmählich aus. Ergeben sich neue Bedingungen, bildet sich etwa ein unüberwindbares Hindernis, dann suchen die Ameisen nach dem gleichen Prinzip einen neuen Weg. Transportwege werden nach Ameisenmanier berechnet Für dieses Verhalten gibt es sogar bereits erfolgreiche Übertragungen ins Wirtschaftsleben – etwa, wenn es um Logistikfragen geht. „Das Verhalten der Ameisen bei der Futtersuche wird mit Hilfe eines so genannten Ameisen-Algorithmus am Computer simuliert“, erklärt Biologieprofessor Jürgen Heinze, Biologieprofessor an der Universität Regensburg. Kolonien von simulierten Ameisen setzen dann digitale Duftspuren und finden den schnellsten Weg, Lieferwagen durch die Schweiz zu steuern, aber auch Datenpakete durch Kommunikationsnetzwerke zu schicken. Ähnliche Anwendungen solcher einfachen Regeln aus Insektenstaaten: Nach den Regeln, mit denen Honigbienen – je nach Dringlichkeit – die Arbeit flexibel unter sich aufteilen, lässt sich beispielsweise vorgeben, wann in einer Fabrik eine Maschine umgerüstet wird, um eine andere Aufgabe zu übernehmen. Oder: Nach dem Vorbild einer Ameisenart, die ihre Nahrung in einer Art Staffellauf in ihr Nest trägt, kann die Fließbandarbeit optimiert werden. Eine Ameise trägt hier nicht bis zu einem bestimmten Punkt, sondern so lange, bis sie eine andere erreicht hat. Übertragen bedeutet das: Ein Mitarbeiter packt zum Beispiel nicht mehr länger eine bestimmte Art von Waren in ein Paket, sondern arbeitet so lange an einer Bestellung, bis ein anderer übernehmen kann. Diese Vorgehensweise ist effizienter, da sowohl die unterschiedliche Geschwindigkeit der Mitarbeiter ausgeglichen, als auch automatisch auf veränderte Auftragseingänge reagiert wird. Beispiel Enron: Markterschließung durch Schwarmintelligenz Sogar, wie sich ständig neue Märkte aufspüren lassen, können Unternehmen von der Nahrungssuche der Ameisen lernen, so meinen Eric Bonabeau und Chris Meyer vom Beratungsinstitut Icosystems in Boston. Die beiden internationalen Vorreiter auf dem Gebiet der Schwarmintelligenz erklären in einem Aufsatz (siehe Servicekasten), wie sich bei verschiedenen Ameisenarten die Individuen gegenseitig zu den viel versprechendsten Futterquellen locken, etwa durch Vibrieren mit ihren Fühlern. Daneben stellen sie eine Begebenheit aus der Geschichte des US-Strom- und Gashändlers Enron. Und obwohl der in Schimpf und Schande untergegangene Energieriese heute nicht mehr wirklich als Vorbild gelten kann, eröffnet er hier eine interessante Perspektive. Den Enron-Managern war es erlaubt, neben ihrem eigentlichen Job geheime Projekte zu initiieren oder sich ihnen anzuschließen. So begann eine leitende Mitarbeitern, Kollegen für ihren Plan anzuwerben: den Onlinehandel mit Energie. Schon bald stießen zu dieser Gruppe weitere Manager, und nur wenige Monate später arbeitete ein Team von 300 Leuten an der Entwicklung eines entsprechenden Systems. Dass ein derart großes Team in so kurzer Zeit zusammenkam, zeigte, dass der Plan gut war. Tatsächlich wurde durch das Projekt der Börsenwert von Enron um einige Milliarden Dollar gesteigert. Damit diese Art der Gruppenrekrutierung im Wirtschaftsleben Erfolg haben kann, empfehlen Bonabeau und Meyer: 1. Die Fähigkeit zu bewahren, neue Chancen zu erkunden, während die vorhandenen ausgeschöpft werden. 2. Jemandem mit einer Idee zu ermöglichen, andere für die Mitwirkung zu gewinnen. 3. Fach- und Führungskräften zu erlauben, sich rekrutieren zu lassen 4. Die Auswahl der besten Ideen dem System selbst zu überlassen und die aussichtsreichsten Ideen mit genügend Ressourcen zu unterstützen. Derart konkrete Anregungen für die Mitarbeiterführung geben die Forscher im deutschsprachigen Raum in der Regel noch nicht. Einig sind auch sie sich jedoch darin, dass das Prinzip der Selbstorganisation, ähnlich, wie es Enron mit den Projektinitiativen vollzogen hat, für Unternehmen zahlreiche Vorteile hat (vgl. zur Selbstorganisation auch das Fallbeispiel Gore). „In selbstorganisierten Unternehmen gibt es Gruppen von Individuen, die aufgrund von lokalen Gegebenheiten Entscheidungen treffen, ohne dass diese durch lange Hierarchien gehen müssen“, erklärt Heinze, der diese Organisationsform zum Beispiel bei großen Wespenstaaten beobachtet. „Das ermöglicht eine schnelle Anpassung an Umweltveränderungen.“ Systemiker hatten schon immer den Hang zur Natur Vor allem die auf systemisches Management spezialisierten Beratungsinstitute verfolgen den zentralen Gedanken der Selbstorganisation schon seit jeher. So zum Beispiel das Managementzentrum St. Gallen und die Beratergruppe Neuwaldegg. Sie berufen sich bei der Betrachtung von Unternehmen als komplexe und dynamische Systeme seit Jahren auch schon auf Prozesse in der Natur. Kein Wunder, dass sie sich heute für die neue Forschungsrichtung „Wirtschaftsbionik“ interessieren. Mit ihrer Strategie, den Gedanken der Selbstorganisation in ihre Beratungen einfließen zu lassen, verbuchen sie in der Wirtschaftswelt zunehmend Erfolg. Doch auch, wenn sich die Hinweise auf die steigende Bedeutung der Selbststeuerung verdichten – ein Unternehmen auf einen Schlag komplett umkrempeln und dezentral steuern zu wollen, macht nach Ansicht der Wirtschaftsbioniker wenig Sinn. Nach Thomas Birners Erfahrung geben viele Manager schon bei der Lagerhaltung die Kontrolle nicht gerne aus der Hand. „Was werden die dann erst beim gesamten Unternehmen sagen?“ fragt der Berater aus Bayerisch Gmain. Häufig empfehlen die Experten, mit einer einzelnen konkreten Fragestellung zu beginnen, die gerade im Unternehmen aktuell ist – etwa: Wie könnte für uns ein funktionales Logistiksystem aussehen? Oder: Welche Anregungen gibt es in der Natur zum Thema Entlohnung? Deutlich machen die Wissenschaftler auch: Nicht immer taugt die Natur als Vorbild. In mancher Hinsicht dienen Wald und Wiese sogar als Anschauungsmaterial dafür, wie es im Unternehmen nicht laufen sollte. „Es gibt in der Natur keinen Sozialbegriff, kein Mitleid. Bei staatenbildenden Insekten spielt das Individuum keine Rolle, es wird einfach geopfert. Es gibt kein bewusstes Verhalten, kein Nachdenken und keine Verantwortung,“ sagt Birner und verdeutlicht damit: „Im Unternehmen sind auch noch andere Dinge wichtig als die reine Ressourceneffizienz.“ Botanische Lehre: Kooperation ist funktionaler als Wettbewerb Und das ist längst nicht die einzige problematische Entwicklung, die sich aus dem harten Konkurrenzkampf in der Natur ergibt: „Auch hier gibt es das Phänomen, dass die Großen immer größer werden. Ökologisch betrachtet läuft dieses Prinzip jedoch auf das Aussterben hinaus“, erklärt Peter Sturm, Biologe von der Bayerischen Akademie für Naturschutz- und Landschaftspflege in Laufen, der bereits gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern und Beratern Workshops für Führungskräfte angeboten hat. „Die Natur ist dort am üppigsten, wo möglichst viele Arten positiv interagieren. Gehen alle gegeneinander an, schwächen sie sich.“ Für Unternehmen leitet er daraus ab, dass es wichtig ist, über die Betriebsgrenzen hinweg auf die Interaktionen mit anderen Firmen sowie ihrer gesamten Umwelt zu achten. Der ehemalige DaimlerChrysler-Personaler Klaus Götz bestätigt: „Verdrängungswettbewerb ist negativ für das Gesamtsystem“. Gerade in der Botanik gehe man aber davon aus, dass letztlich die Zusammenarbeit funktionaler ist als Wettbewerb und Konkurrenz. In einem aktuellen Forschungsprojekt untersucht er daher das Thema Symbiosen ausführlicher. „Bei einer Symbiose geht es darum, dass es bei gleichem Input zu einem höheren Output kommt“, erklärt er das viel versprechende Grundprinzip. Abenteuer Natur: Unternehmen halten sich (noch) zurück Mit der konkreten, praktischen Umsetzung seiner Erkenntnisse in die Wirtschaftswelt hat Götz wie die meisten Forscher im Bereich der Wirtschaftsbionik noch verhältnismäßig wenig Erfahrung. Er hat zwar gemeinsam mit Martin Nebel vom Stuttgarter Naturkundemuseum bereits Workshops durchgeführt, nach denen die Führungskräfte mit selbst erarbeiteten Zielen an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt sind. Keinesfalls aber steht jeden Tag ein Unternehmen vor der Tür, das beraten werden möchte. Wie alle Experten auf diesem Gebiet ist Götz deshalb auf der Suche nach Firmen, die gemeinsam mit ihm von der Tier- und Pflanzenwelt lernen möchten. Warum es sich für Unternehmen lohnen würde, beim Abenteuer Natur unter den ersten mit dabei zu sein? Martin Pfiffner vom Malik Management Zentrum St. Gallen ist da um eine Antwort nicht verlegen. „Weil es sonst die Konkurrenz macht“, sagt er. „Und die ist dann schwer einzuholen.“
Denkanstöße aus der Natur Die Wirtschaftsbionik steckt noch in den Kinderschuhen. Dennoch zeichnen sich bereits viel versprechende Forschungs- und Anwendungsgebiete ab: Logistik: Strategiefindung: Selbstorganisation: Schwarmintelligenz: Evolution: Kooperation: Krisenbewältigung:
Beispiel Gore: Die Firma W.L. Gore & Associates ist ein Vorzeige-Fall für Wirtschaftsbioniker. Denn sie vergleicht ihre Organisationsstruktur mit einer Amöbe. Genau wie der Einzeller ist das Unternehmen in seiner Form flexibel und passt sich ständig an neue Umweltbedingungen an. In seinem Kern bleibt es dennoch stabil. “Starre Strukturen müssen selbstregulierenden Systemen Platz machen, die den Kern eines sich entwickelnden, fließenden Unternehmensgefüges bilden“, erklärt Heinrich Flik, Mitglied im Board of Directors der amerikanischen W.L. Gore & Associates und langjähriger Geschäftsführer der deutschen Niederlassung. Er vergleicht das Organisationsmodell des Unternehmens, das sich auf Anwendungen des Kunststoffes Polytetrafluorethylen (PTFE) – bekanntestes Beispiel sind die Gore-Tex Funktionstextilien – spezialisiert hat, mit einer Amöbe. Die Amöbe, deren Name sich vom altgriechischen Wort für Veränderung ableitet, nimmt ständig neue Formen an, bleibt aber nach außen klar definiert und nach innen stabil. Mit so genannten Scheinfüßchen tastet sie sich potenzielle an Nahrungspartikel heran, die sie umschließt und untersucht. Handelt es sich um Nahrung, wird diese absorbiert. Erweist sich ein Partikel als ungenießbar, zieht die Amöbe ihre Füßchen schnell wieder ein. In Anlehnung daran sollen laut Flik lern- und entscheidungsfreudige Teams innerhalb einer Organisation, die sich ständig wandelt, Marktchancen identifizieren und nutzen. Oder eben schnell wieder davon ablassen, falls sich eine Idee als untauglich herausstellt. Gore produziert aus PTFE unter anderem widerstandsfähige Kabelisolierungen, atmungsaktive Kleidungsstücke und Schuhe sowie Implantate für die plastische Chirurgie. Damit das Unternehmen stets in Bewegung bleibt, verzichtet Gore auf vorgegebene Hierarchien. Zur Führungskraft wird man gewählt. Jeder neue Mitarbeiter sucht sich einen „Sponsor“, eine Art Mentor, der ihn während seiner Laufbahn im Unternehmen begleitet. Und auch der „Leader“ für ein Projekt wird von seinem Team bestimmt, bzw. kristallisiert sich im Laufe der Zeit aus der Gruppe heraus. Eine Bestandsgarantie gibt es dabei nicht. Wer ein Team führt, ist in der nächsten Gruppe unter Umständen nur ein „normaler“ Kollege. Vier Prinzipien bieten Orientierung Auf starre Hierarchien verzichtete Gore von Anfang an – also auch schon bevor die Amöbenmetapher eingeführt wurde. Das gilt auch für die vier Verhaltens-Grundprinzipien, die den Mitarbeitern des Unternehmens Orientierung bieten. Der Gründer Bill Gore wählte sie, weil er daran glaubte, dass jeder Mensch das Potenzial in sich trägt, verantwortlich zu handeln und Initiative zu ergreifen. Die Prinzipien lauten: Freiheit, Selbstverpflichtung, Fairness und Waterline. Freiheit steht dabei für die Möglichkeit sich zu entwickeln, eigenen Ideen nachzugehen, ein Unternehmer innerhalb des Unternehmens zu werden. Ebenso steht das Prinzip für die Verpflichtung zum lebenslangen Lernen. Selbstverpflichtung heißt: Mitarbeiter handeln nicht auf Anweisung, sondern aus einer innerer Überzeugung. „Jeder bestimmt seine Verpflichtung selbst und hält sich daran“, heißt es in der Unternehmens-Charta. Fairness wiederum ist die Grundlage für Teamarbeit innerhalb des Hauses ebenso wie für die Zusammenarbeit mit Kunden und Zulieferern. Die Analogie der Waterline schließlich leitet sich von einem Schiff ab. Wenn jemand unterhalb der Wasserlinie ein Loch in den Rumpf bohrt, dringt Wasser ein und das Schiff droht unterzugehen. Auf Gore übertragen bedeutet das, dass die Mitarbeiter bei jeder Handlung, die den Ruf und das Überleben des Unternehmens gefährden könnte, dazu angehalten sind, sich mit anderen zu beraten und die Verantwortung zu teilen.
Service: Veranstaltungstipp: „1. Bionik-Kongress für das Top-Management“ Das Malik Management Zentrum St. Gallen lädt Führungskräfte am 9. und 10. März 2006 zum Diskurs über die Lehren der Natur und die Frage, wie diese für das Management nutzbar gemacht werden können. Thematisiert werden u.a. der Lotus-Effekt und bionische Architektur. Veranstaltungsort ist das schweizerische Interlaken. Kosten: 3.800 CHF, weitere Infos unter www.mszg.ch. Literaturtipps: Matthias Nöllke: So managt die Natur – Was Führungskräfte vom erfolgreichsten Unternehmen aller Zeiten lernen können. Haufe, Freiburg 2003, ISBN
3-448-05653-7, 24,80 Euro. Kurt G. Blüchel: Bionik – Wie wir die geheimen Baupläne der Natur nutzen können. Bertelsmann, München 2005, ISBN 3-570-00850-9, 21,90 Euro. Richard T. Pascale et al.: Chaos ist die Regel – Wie Unternehmen Naturgesetze erfolgreich anwenden. Econ, Berlin 2002, ISBN 3-430-17428-7, 29,90 Euro.
Eric Bonabeau, Chris Meyer: Schwarmintelligenz: Unternehmen lernen von Ameisen und Bienen, Harvard Businessmanager 6/2001, kostenpflichtiger Download
unter www.harvardbusinessmanager.de Hans-Christian Riekhof (Hrsg.): Strategien der Personalentwicklung, Gabler Verlag, 5. Auflage 2002, ISBN 3-409-53800-3, 51,90 Euro ANDREA BITTELMEYER |