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managerSeminare Dezember 2005 Lektionen aus der Bahnhofsmission „Seitenwechsel“ ist der Name eines Weiterbildungs- „In dem Restaurant habe ich selbst schon einige Male gegessen“, erzählt Gerd Gerdes. Gestern Nacht aber ist er an dem exklusiven Lokal in der Hamburger Innenstadt vorbeigegangen. Er hat nicht mit den wohlhabenden und gut angezogenen Menschen gespeist, die er durch die Fenster beobachten konnte. Stattdessen hat er sich um einen Obdachlosen gekümmert, der nur ein paar Meter weiter auf ein paar alten Kartons saß. Er brachte ihm Tee und eine Decke. Der ältere Mann mit den verfilzten Haaren und den vom Straßendreck verkrusteten Händen bedankte sich freundlich. Gerd Gerdes, 57 Jahre alt und Personalleiter bei Airbus Bremen, war in Hamburg mit dem Mitternachtsbus unterwegs, der Obdachlose „auf der Platte“ versorgt. Die Begebenheit vor dem noblen Restaurant ist für ihn das perfekte Symbol für seine Hospitanz in der Bahnhofsmission am Hamburger Hauptbahnhof. „Dieses Bild wird sich in mein Gedächtnis eingraben“, sagt er. „Wie ich mit diesem Pappbecher in der Hand an dem Restaurant vorbeigegangen bin und auf den Obdachlosen zu...“, beschreibt er die Szene noch einmal. „...ein richtiger Seitenwechsel eben.“ Seitenwechsel heißt das Programm, an dem der hochgewachsene Manager mit den grauen Haaren derzeit teilnimmt. Dabei handelt es sich um eine Initiative der Patriotischen Gesellschaft in Hamburg. Bei dieser arbeiten Führungskräfte aus der Wirtschaft für eine Woche in einer sozialen Institution – einem Sterbehospiz, einem Obdachlosenheim, einer Drogenberatungsstelle oder eben in einer Bahnhofsmission. Das Ziel: In der ungewohnten Umgebung und beim Umgang mit mittellosen, süchtigen oder sterbenden Menschen sollen die Manager über sich selbst und ihr Führungsverhalten nachdenken und ihre sozialen Kompetenzen trainieren. „Danach haben sie feinere Antennen für menschliche Probleme und können unbefangener darüber reden“, erklärt Doris Tito, die Leiterin des Projekts. Sie könnten beispielsweise besser über persönliche Schicksale wie den Tod eines Familienangehörigen sprechen und ihre Mitarbeiter damit bei der Bewältigung unterstützen. Aber auch im alltäglichen Miteinander fühlten sich die Mitarbeiter besser verstanden, Motivation und Leistung würden steigen. Im Unterschied zu den derzeit viel diskutierten Corporate-Volunteering-Projekten, bei denen sich Unternehmen sozial engagieren – etwa einen
Kindergarten renovieren oder bei den olympischen Spielen für geistig Behinderte helfen – geht es beim Seitenwechsel ausschließlich um die Persönlichkeits- Das Weiterbildungsangebot gibt es in Deutschland seit fünf Jahren; 455 Führungskräfte haben bereits teilgenommen. Marktbörsen gibt es in Hamburg, aber auch in Berlin, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Baden-Württemberg und Bayern, wo die Patriotische Gesellschaft jeweils mit verschiedenen Kooperationspartnern zusammen arbeitet. Die Teilnehmer sind Führungskräfte großer und namhafter Unternehmen wie Daimler Chrysler, BP, Otto und BMW. Auch Airbus in Hamburg ist bereits dabei. In Kürze startet das Projekt unter der Leitung von Doris Tito in Bremen. Dann sollen auch die ersten der 20 oberen Führungskräfte des dortigen Airbus-Werkes dabei sein. Trotz der beeindruckenden Referenzen und viel Lob von Teilnehmerseite ist der Seitenwechsel bislang nicht zum Selbstläufer geworden. Tito kann nicht einmal von einer gestiegenen Nachfrage sprechen. „Es ist nach wie vor wahnsinnig viel Arbeit, die Teilnehmer zu gewinnen. Ich muss fast jeden einzeln überzeugen“, erklärt die Leiterin des Projekts, an dem die Führungskräfte freiwillig teilnehmen. Bei der angespannten Wirtschaftslage sei es vor allem schwierig, die Manager für eine Woche von ihrem Arbeitsplatz loszueisen. Tito besteht jedoch auf diese Dauer. „In zwei Tagen ist ein Seitenwechsel einfach nicht zu machen“, erklärt sie. Gerd Gerdes, der den Seitenwechsel bei Airbus Bremen einführen möchte und selbst mit guten Beispiel vorangeht, hat die Bahnhofsmission gewählt, wo er sich um die Anliegen von Reisenden in Notlagen, aber auch von Obdachlosen und anderen sozial benachteiligten Menschen kümmert. Die Bahnhofsmission versteht sich als Sozialambulanz, die entweder Soforthilfe leisten kann oder die Menschen an andere karitative Einrichtungen wie Obdachlosenheime oder Drogenberatungsstellen vermittelt. Manchmal jagt hier eine Anfrage die andere. Gerade jedoch ist es sehr ruhig. Zu ruhig, findet Gerdes. Auf der Suche nach einer neuen Aufgabe lässt er seine Blicke durch den karg eingerichteten Raum schweifen. Aber: Die Tassen hat er bereits gespült, sie stehen wieder in Reih und Glied. Der Boden ist gefegt. Und es kommt auch gerade niemand herein, dem er seine Hilfe anbieten könnte. Bei seinem Job als Personalleiter kennt er einen solchen Leerlauf nicht. Sein 12-Stunden-Tag ist straff organisiert. In der Bahnhofsmission hat er schnell bemerkt: „Hier kann man überhaupt nicht planen. Am schwierigsten ist es für mich, nichts zu tun.“ Während Gerdes auf den nächsten Einsatz wartet, gehen ihm die Szenen durch den Kopf, die er in der Bahnhofsmission bereits erlebt hat. Er sieht die vielen Obdachlosen vor sich, die sich oftmals Tage oder Wochen nicht gewaschen haben, stark riechen und in sehr schlechter körperlicher Verfassung sind. Sie haben Schürfwunden, Hautausschläge und offene Beine. Einer von ihnen hat ihm seine Lebensgeschichte erzählt. „Meine Frau hat sich erhängt, ich habe sie damals von der Decke geknüpft. Dann hat sich mein Sohn mit dem Auto totgefahren, dann habe ich meinen Job verloren.“ Die Geschichte endet – wie so viele hier – auf der Straße. Oder: Gerdes sieht sich selbst über den Hamburger Hauptbahnhof gehen. Im Schlepptau hat er eine Ausländerin mit drei kleinen Kindern. Sie kam in die Bahnhofsmission, offenbar in einer Notsituation. Das erste Problem jedoch: Niemand in der Bahnhofsmission konnte sie verstehen. Also zog Gerdes los, um Hilfe zu suchen. Bei einem Croque-Verkäufer schließlich hatte er Glück: Er sprach arabisch wie die junge Frau. So kam dann nach und nach heraus: Die Frau lebt seit einem Jahr mit ihren Kindern ganz allein in Deutschland. Sie hat ihre Tasche im Bus verloren - darin ihr Geld, ihre Schlüssel und die Passbilder ihrer Kinder, die sie dringend bei der Ausländerbehörde abgeben muss. Gerdes rief beim Hamburger Verkehrsverbund an, wo er erfuhr, dass die Tasche nicht gefunden wurde. In der Zwischenzeit ist eine arabisch sprechende Frau zu der Gruppe gestoßen. Sie nahm die junge Frau unter ihre Fittiche, nachdem die Bahnhofsmission und der Croque-Verkäufer je ein neues Foto im Automaten bezahlt haben. Gerdes sah den beiden hinterher, am liebsten hätte er noch viel mehr getan. Das Gefühl der Hilflosigkeit beschlich ihn hier jedoch nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal. „Als Manager bin ich es gewohnt, zu
entscheiden und Lösungen zu finden. Hier aber bin ich weder als Entscheider, noch als Problemlöser gefragt“, erklärt er. Das liegt zum einen daran, dass er in der Bahnhofs- „Dass jemand in das bürgerliche Leben zurückkehrt, Arbeit findet und normale soziale Kontakte aufbaut, ist die absolute Ausnahme“, berichtet Ulrich Hermannes, der Leiter der Bahnhofsmission. Oft kann die Bahnhofsmission sogar gar nichts machen. „So lange die Menschen nicht von ihren Problemen erzählen und sich nicht helfen lassen wollen, können wir nur zuschauen. Man muss hier lernen, Dinge auszuhalten und zu betrachten“, erklärt der Diplom-Psychologe, der in solchen Fällen wieder und wieder auf die Menschen zugeht. Für ihn ist es ein großer Erfolg, wenn jemand regelmäßig eine karitative Einrichtung besucht oder einer längst überfälligen medizinischen Behandlung zustimmt. Für Hermannes ist der Seitenwechsel eine gute Gelegenheit, Multiplikatoren zu erreichen. „Wir sind auf Drittmittel angewiesen und brauchen gesellschaftlichen Rückhalt“, erklärt er. Die Seitenwechsler bittet er nicht direkt um finanzielle Unterstützung, freut sich aber, wenn sie seiner Einrichtung verbunden bleiben. Eine Ehemalige zum Beispiel übernimmt ehrenamtlich Schichten in der Bahnhofsmission, ein anderer Ex-Teilnehmer sammelt regelmäßig Spenden. Während der einen Woche Seitenwechsel aber geht es in erster Linie um die Manager, die eine neue Erfahrung nach der anderen machen. Schließlich leben Führungskräfte sonst in einer „eingeschmiedeten Welt“, wie Gerdes das nennt. Sie verbringen viel Zeit in der Firma, essen in teuren Restaurants, ihre Freunde sind ebenfalls Manager, Rechtsanwälte oder Ärzte. Sie haben ihren Dienstwagen oder nehmen sich ein Taxi, sie fliegen oder fahren erster Klasse im ICE. „Es ist Jahre her, dass ich das letzte Mal U-Bahn gefahren bin“, erklärt Gerdes. Die Konfrontation mit den ergreifenden menschlichen Schicksalen ist jedoch längst nicht der einzige Denkanstoß für die Manager. So erklärt Gerdes auch: „Sollte ich in der Firma jemanden nicht verstehen, würde ich einfach den Übersetzungsdienst anrufen“. Im Job weiß er, was er zu tun hat. In der Bahnhofsmission hingegen gibt es keine Routine für ihn. Jeder Fall ist neu und erfordert eine neue Lösung. Dadurch nimmt er vieles bewusster wahr. Zum Beispiel die Bedeutung des aufmerksamen Zuhörens. „Hier ist es schon allein schwierig, die Leute zu verstehen. Sie nuscheln, weil sie keine Zähne mehr haben oder weil sie einfach kaputt sind“, erklärt Gerdes. Zudem beobachtet er die Menschen sehr viel genauer. Er schaut: In welcher Stimmung ist derjenige, der hier reinkommt? Bekomme ich vielleicht gleich eins auf die Nase? Zwar hat er hier noch keine Gewalttätigkeiten miterlebt. „Ungemütlich zu Mute“ war ihm jedoch schon das ein oder andere Mal. So lange bis er bemerkt hat, dass er sein Gegenüber beruhigen kann – indem er ihm zum Beispiel eine Tasse Tee bringt oder einfach nur zuhört und als eine Art menschlicher Blitzableiter fungiert. Ebenfalls ungewohnt für ihn: Jede Aufgabe muss er hier allein als Gerd Gerdes bewältigen. Seine Position in der Firma hilft ihm nicht. „Ich habe keine virtuellen Schulterklappen. Niemand weiß, dass ich bei Airbus als Personalleiter für 3000 Mitarbeiter zuständig bin.“ Bei einem seiner Dienste, bei der er in der Jacke mit dem Zeichen der Bahnhofsmission auf dem Rücken über den Bahnhof läuft, hat ihn jemand auf die Schulter getippt und gesagt: Hey junger Mann!“. Ein anderer sagte darauf: „Wieso junger Mann? Der geht doch bald in Rente!“ Schnell ist Gerdes auch aufgefallen, dass er hier viele Geschichten hört, die man nicht ohne Weiteres glauben kann. „Die Menschen leben oft in anderen Realitäten. Da tauchen beim Zuhören ständig Fragezeichen auf“, bestätigt Hermannes. Ob das alles stimmt, ist jedoch schwer herauszufinden und oftmals auch gar nicht so wichtig. Es gilt, durch geschicktes Nachfragen das aktuelle und drängende Problem zu finden und bei diesem anzusetzen. Gerdes will künftig auch im Job die Menschen zunächst mehr kommen lassen. Sich ihre Wahrheit anhören, um genauer herauszufinden, wie er am besten helfen kann. Inzwischen ist es draußen Dunkel geworden. In der Bahnhofsmission wird es voller und lauter. „Ich rasier dir die Fresse“, tönt es aus einer Ecke. Dort sitzt ein rundlicher Obdachloser im karierten Hemd, die Hände voller Ringe. Die Mitarbeiter der Bahnhofsmission blicken nicht einmal auf. Offenbar kennen sie den Spaßvogel bereits. Der schimpft weiter auf sein Gegenüber ein: „Ich hau dir gleich eins vor die Waffel.“ Fast im selben Atemzug ruft er Gerdes zu: „Chef! Ich hätte gerne einen Hagebuttentee!“ Später kommen zwei Jugendliche herein. Sie haben vergangene Nacht wild gefeiert und ihr Geld und ihre Papiere verloren, erzählen sie. Jetzt warten sie auf ihren Zug nach Bremen. Langsam steigt ihr Aggressionspegel. Sie beschweren sich lautstark darüber, dass es in der Bahnhofsmission nichts zu essen gibt. Als sie damit nicht aufhören, steht Gerdes auf und geht langsam an ihrem Tisch vorbei. Die Jungs werden verstummen zunächst, dann fragen sie Gerdes in schnoddrigem Ton nach einem Tee „Leicht war das für mich nicht, ihnen diesen zu bringen“, erklärt Gerdes. Als Strategie hatte er „Präsenz zeigen“ gewählt. Eine Woche später sitzt Gerdes wieder in seinem vertrauten Büro. „Die Begegnung mit extremen Schicksalen zeigt, auf welch hohem Niveau unsere alltäglichen Probleme sind“, erklärt er – nach ein paar Tagen im Job nochmals nach den Auswirkungen des Seitenwechsel befragt. „Nach dieser einen Woche kann man vieles gelassener sehen und mit größerer Ruhe agieren.“ Zudem erklärt er: „Ich gleiche meine Entscheidungen im Job nach und nach mit den Erfahrungen in der Bahnhofsmission ab.“ Das soll nicht heißen, dass Eins-zu-Eins-Übertragungen möglich sind. Natürlich könne man die Airbus-Mitarbeiter nicht mit den Menschen vergleichen, die in die Bahnhofsmission kommen. Aber es gebe durchaus Parallelen. So erinnere die Begegnung mit einem psychisch verwirrten Menschen, der wutentbrannt in die Bahnhofsmission stürzt und sich erst einmal beruhigen muss, daran, dass auch jeder Mitarbeiter ein Stück weit in seinen eigenen Realität lebt und dort zuweilen abgeholt werden muss. Aktuell hat Gerdes eine Nachricht auf seiner Mailbox. „Da ist jemand zweifelsohne auf 180 und seine Wut richtet sich gegen mich - obwohl ich für die Sache gar nichts kann“, erklärt er. „Vor dem Seitenwechsel hätte das sicherlich meine Kampfeslust geweckt und ich hätte schärfer reagiert. Jetzt werde ich dem Gesprächsbedarf nachkommen. Dann werde ich sehen, wie ich dem Betreffenden helfen kann.“ „Vor dem Seitenwechsel habe ich natürlich auch schon auf die Menschen geachtet“, erklärt Gerdes weiter. „Aber jetzt hat das noch eine andere Qualität bekommen“. Damit macht er deutlich: Mit einem Seitenwechsel wird man nicht aus einem schlechten Manager einen guten Manager machen. Seiner Meinung nach handelt es sich eher um eine Weiterbildung „für gute Manager, die noch besser werden wollen“. Für ganz junge Führungskräfte sei sie vielleicht nicht so gut geeignet. Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens ergänzt Gerdes jedoch: „Obwohl – so manch strammen Yuppie würde ich es schon wünschen.“
Frauengefängnis oder Sterbehospiz? Bei einer so genannten Marktbörse wählen die Teilnehmer aus, bei welcher sozialen Institution sie hospitieren wollen. Während der Veranstaltung stellt der potenzielle Ansprechpartner der sozialen Einrichtung zunächst das Tätigkeitsfeld vor. Später können die Führungskräfte in Einzelgesprächen Fragen stellen. Sie erkundigen sich zum Beispiel, ob sie in der Frauenjustizvollzugsanstalt mit den weiblichen Häftlingen alleine sein werden. Oder was in der Entzugsklinik für Drogensüchtige wohl das beeindruckendste Erlebnis sein wird. Die nächsten Termine: 13.12.2005 Bremen, 21.02.2006 Hamburg, 30.03.2006 Berlin Kontakt: Patriotische Gesellschaft von 1765, Trostbrücke 4-6, 20457 Hamburg, Tel.: 040-3 66 66 19, www.seitenwechsel.com
ANDREA BITTELMEYER |