managerSeminare Juli/August 1999

Wer ist hier der Boss?

Wer seine Mitarbeiter mit Tieren vergleicht, spricht selten freundlich ├╝ber sie. Bei dem Seminar "Dominanztraining mit Friesenpferden" ist das anders. Aber auch die gut gemeinte Parallele zwischen Zwei- und Vierbeinern bleibt zuweilen fraglich. Ein Tag unter Pferden und Pferdemenschen.

Ganz klar, ich bin der Boss! Mit einer bunten Fahne in der Hand stapfe ich durch den Sand der Reithalle. Die f├╝nf schwarzen Pferde, die mich zu Tode erschrecken, bei├čen oder treten k├Ânnten, tun genau das, was ich will: Sie schwingen ihre riesigen zottelbehangenen Hufe und laufen vor mir weg. Nach ein paar Runden frage ich mich allerdings, was ich hier tue. Die Aufgabe, die ich bei dem Seminar "Dominanztraining mit Friesenpferden' zu bew├Ąltigen habe, erscheint mir ebenso leicht wie sinnlos.

Erst sp├Ąter, als alle Seminarteilnehmer zur Besprechung im Bauwagen zusammensitzen, erschlie├čt sich mir der Hintergrund: Es ging nicht um mich, sondern um die Pferde. Ich sollte mit meiner Fahne Leben in die Herde bringen, damit die anderen f├╝nf Seminarteilnehmer das Verhalten der Vierbeiner besser studieren k├Ânnen. Die Friesenpferde - mit farbigen Halftern gekennzeichnet, damit sie auch der Laie unterscheiden kann - benehmen sich n├Ąmlich v├Âllig unterschiedlich.

"Anton verh├Ąlt sich ganz klar", sagt ein Teilnehmer ├╝ber den schwarzen Riesen mit dem blauen Halfter. Zielstrebig sei der und k├Ânne gut der Chef der Truppe sein. An Benetton scheiden sich die Geister. Die Einsch├Ątzungen schwanken von aggressiv ├╝ber verspielt bis zur├╝ckhaltend. Allerdings sind sich alle einig, dass er gerne der Boss w├Ąre. "Er stellt sich aber ein bisschen d├Ąmlich an", kommentiert der Pferdebesitzer und Trainer Gerhard Krebs.

Von Pferden und Mitarbeitern

Was klingt wie eine Fachsimpelei unter Pferdeliebhabern, ist auch eine: Zu dem eint├Ągigen Seminar in Herdwangen sind fast nur Pferdefreunde gekommen, die sich ├╝ber die Trainingsmethode der Krebs'schen G&K Horsedream GmbH informieren wollen. Der Gesch├Ąftsf├╝hrer einer Konstanzer Werbeagentur ist au├čer mir der einzige, der den Umgang mit Pferden nicht gewohnt ist.

"Eine Ausnahme", sagt Krebs, der bislang auf zw├Âlf Trainings zur├╝ckblicken kann. Aber die hat Folgen: Abgesehen davon, dass niemand Angst vor den gro├čen Tieren hat, bereitet der Vergleich zwischen Vier- und Zweibeinern den Pferdemenschen keine Probleme. F├╝r sie ist es normal, Parallelen zwischen sich, ihren Mitmenschen und den Pferden zu ziehen. Auch als die Seminarteilnehmer das Pferd nennen sollen, mit dem sie sich am ehesten "identifizieren" k├Ânnen, zuckt niemand mit der Wimper.

Es folgt der F├╝hrungstest mit wenig ├╝berraschendem Ergebnis: Wer z├Âgerlich daher kommt, hat deutlich mehr Schwierigkeiten, Anton, Benetton oder L├╝ttje um ein abgestecktes Viereck oder auf eine raschelnde Plane zu f├╝hren. Aber auch bei den Erfolgreichen gibt es Unterschiede: Der eine l├Ąsst dem Pferd keine Zeit zu z├Âgern, der andere nimmt erst einmal ruhig Kontakt auf. Die Strategie h├Ąngt auch vom Trainingspartner ab: L├╝ttje startet von alleine durch und muss - ebenso wie der von hinten dr├Ąngelnde Benetton gebremst werden. ├ťber solche Eigenheiten sehen die F├╝hrenden jedoch wohlwollend hinweg. Schlie├člich haben sie mit dem Pferd trainiert, das ihnen am besten gef├Ąllt.

Keine Psychodiskussion

Sp├Ątestens nach dem direkten Aufeinandertreffen von Pferd und Mensch klingen die Statements im Bauwagen f├╝r den Nicht-Pferdemenschen merkw├╝rdig. "Angestellte und Pferde sollte man an der langen Leinen f├╝hren", war zu h├Âren, ebenso wie der Wunsch "Ich m├Âchte etwas dar├╝ber erfahren, was ich mit meinem Verhalten bei Lebewesen bewirke".

Krebs selbst h├Ąlt sich mit Kommentaren zur├╝ck.  Er will lediglich als Moderator auftreten, der den Teilnehmern einen Spiegel vors Gesicht h├Ąlt. "Was die Pferde nicht r├╝berbringen, kann ich auch nicht vermitteln", erkl├Ąrt der zur├╝ckhaltende Pferdenarr. Bei fr├╝heren Trainings sei eine Psychologin mit von der Partie gewesen. Die Teilnehmer h├Ątten sich von deren Nachforschungen, die bis ins Kindesalter zur├╝ckgingen, jedoch wenig begeistert gezeigt.  Seitdem verzichtet Krebs auf die "Psychodiskussion" ' Vielleicht lasse sich das Seminar ja noch auf andere Weise ausbauen.  Schlie├člich st├╝nden sie mit ihrer Trainingsmethode noch am Anfang.

Bis er die ideale Erg├Ąnzung f├╝r das Training gefunden hat, setzt Krebs allein auf die Wirkung seiner Pferde.  Er ist ├╝berzeugt, dass sie F├╝hrungsschw├Ąchen auch ohne Interpretation aufdecken.  Die Tiere tr├Ąfen keine falschen Entscheidungen, sie seien damit ein geeignetes Medium zur Selbsterfahrung.  Sie folgen - so Krebs weiter - nur demjenigen, der eine mentale Spannung aufbauen kann und durch eindeutige K├Ârpersprache zeigt, wo es lang geht.

So gehen wir Seminarteilnehmer ehrf├╝rchtig schweigend mit den gro├čen schwarzen F├╝hrungsschw├Ąche-Detektoren um. Nach jeder ├ťbung f├╝llen wir brav Frageb├Âgen aus: "Bitte definieren Sie Dominanz.  Welche Eigenschaften muss derjenige haben, dem Sie sich freiwillig unterordnen? Was halten Sie f├╝r die beste F├╝hrungseigenschaft?" An den Antworten wird klar: Mit Dominanz im Sinne von Zwang und Gehorsam hat das Training nichts zu tun.  Wir sprechen von sensibler Wahrnehmung, Verantwortungsbewusstsein, Vertrauen und Entschlossenheit.  Krebs ist zufrieden mit uns.

Nachdem wir unseren Vorsatz f├╝r die n├Ąchste Aufgabe verlesen haben, geht es wieder in die Reithalle. Wie Monty Roberts, der amerikanische Pferdefl├╝sterer, sollen wir das Pferd von uns wegtreiben, bis es den Kopf senkt und damit zeigt, dass es zu uns kommen will. Von Anfang an sp├╝re ich leichten Groll. Ich muss mit dem Pferd ├╝ben, dass ich laut meiner anf├Ąnglichen Einsch├Ątzung am wenigsten mag: mit Bosse, der jedes andere Pferd, das ihm ├╝ber den Weg l├Ąuft, erst einmal bei├čen muss.  Das Wegtreiben klappt dementsprechend auch ganz gut. Aber dann ├╝berlege ich fieberhaft: Hat Bosse den Kopf jetzt tief genug? Will er tats├Ąchlich zu mir kommen? Soll ich ihn lieber noch ein bisschen weiterscheuchen? Und wie war das mit der Entschlossenheit, die ich mir f├╝r diese ├ťbung vorgenommen habe? Ich lasse die Peitsche fallen, das Pferd trottet mit der Nase im Sand recht unmotiviert vor sich hin. Nach kurzem inneren Kampf gehe ich auf Bosse zu.

Von Krebs erfahre ich, dass Bosse das sturste der Pferde ist und f├╝hle mich erleichtert. Trotzdem denke ich weiter an die Situationen in meinem Leben, in denen ich meinen Mitmenschen nicht richtig vermitteln kann, was ich von ihnen erwarte. Krebs erz├Ąhlt, dass auch andere Teilnehmer spontan Parallelen zu ihrem Alltag ziehen: Als L├╝ttje einem Vertriebsmitarbeiter weggelaufen ist, soll dieser gesagt haben: "Genauso geht es mir manchmal im Kundengespr├Ąch."

Das Bild von der langen Leine

W├Ąhrend am Ende des Seminartages im Hintergrund die Videoaufnahme l├Ąuft, ziehen die Pferdeliebhaber Bilanz: Ein Tag ist zu wenig, um die Tiere kennenzulernen und Strategien im Umgang mit ihnen zu erproben. ├ťber das Fazit f├╝r das Berufsleben spricht kaum jemand.  Unter F├╝hrungskr├Ąften w├Ąre das bestimmt anders gewesen.  Denn ein Tag gen├╝gt, um ├╝ber sich selbst nachzudenken und gute Vors├Ątze zu fassen - auch wenn diese schwer in Worte zu fassen sind: Der Gesch├Ąftsf├╝hrer der Werbeagentur nimmt bildhafte Eindr├╝cke mit, er sieht den langen Strick vor sich, an dem er Anton gef├╝hrt hat.

Mir bleibt neben meinen inneren K├Ąmpfen ein anderes Bild pr├Ąsent: Die F├╝hrungskraft ist nicht als fahnenschwenkender Pferdetreiber gefragt, sondern als Leithengst. Und der soll seiner Herde dienen.

ANDREA BITTELMEYER

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