Financial Times Deutschland, 5.12.2003

Die Demut des Managers

Bei Pater Anselm im Kloster Andechs finden gestresste Manager nicht nur Ruhe, sondern auch Inspiration

Der Ammersee liegt im Frühnebel, und die Morgensonne scheint auf die Hügel um den Heiligen Berg oberhalb des bayerischen Ortes Herrsching. Doch die neun Manager und Unternehmer in einem der barocken Tagungssäle des Klosters Andechs haben nur Augen für Pater Anselm Bilgri. Der freundliche Endvierziger übersetzt gerade die altehrwürdige Ordensregel der Benediktiner „Ora et Labora“ (Bete und Arbeite) in fast schnoddriges heutiges Deutsch: „Wer sich nicht besinnt, wuselt nur noch hin und her.“

So irdisch klingen die Ausführungen des Paters häufig. Sie scheinen genau das zu sein, was die Wirtschaftswelt derzeit hören möchte. Der Mönch und Manager – Pater Anselm führt 200 Mitarbeiter in den Wirtschaftsbetrieben des Klosters – hat Andechs damit zu einer bekannten Anlaufstelle für Führungskräfte gemacht, die in konjunkturell schwierigen Zeiten die Ruhe geistlicher Einrichtungen suchen.

So ist der Seminarbetrieb im Kloster, der vor vier Jahren bescheiden anlief, zur Hauptbeschäftigung von Stephan Heinle und Konrad Stadler geworden. Die beiden Management-Trainer haben gemeinsam mit Pater Anselm ein Seminarprogramm entwickelt, zu dem die „Besinnungstage für Manager und Unternehmer“ ebenso gehören wie ein Führungstraining. „Mittlerweile haben wir jede Woche eine Gruppe hier“, berichtet Heinle. Neben vielen Unternehmern aus der Region haben auch bereits Führungskräfte großer Konzerne wie Siemens oder BMW das Kloster besucht.

Firmen wenden sich an das Kloster, wenn sie ein Unternehmensleitbild einführen möchten, das etwa nach Turbulenzen und Personalabbau die Belegschaft wieder ermutigen soll. Oder sie schicken ihre Abteilungen, wenn sich im Team verfeindete Lager gebildet haben.

Pater Anselm schöpft in allen Fällen aus „der Regel des heiligen Benedikt“, die seit bald 1500 Jahren für das Zusammenleben der Mönche gilt. So empfiehlt er Führungskräften Demut. „Das ist ein verstaubtes Wort. Jeder Manager lacht mich zunächst aus“, erklärt der Geistliche. Doch Demut bedeutet für ihn Erdverbundenheit, Authentizität und der Wille zum Dienen. Am Ende steht ein Leitsatz: „Ich stehe mit beiden Beinen auf dem Boden, bin ehrlich zu mir selbst und anderen und packe meine Aufgabe kraftvoll an“.

Was der Pater erklärt, würden andere Berater Konfliktmanagement nennen: „Wir müssen reden, ringen, zurechtweisen und motivieren. Andere Möglichkeiten haben wir nicht. Es ist die Mühsal des Zusammenlebens und -arbeitens“. Als weitere wichtige Tugend für Führungskräfte nennt er Gehorsam, was für ihn nichts weiter heißt als: „Höre, höre, höre!“.

Die alten Weisheiten, die - frei vom üblichen Managementkauderwelsch - auf den Menschen hinter der Führungskraft zielen, sind im Kloster erfahrbar. Die Teilnehmer können bei den Gebeten der acht Mönche dabei sein und die Wirkung regelmäßiger Besinnung zumindest erahnen.

Bei den Besinnungstagen schreiben die Manager einen Brief an ihr imaginäres Patenkind, dem sie ihre Ziele und Vorsätze erklären. Zerstrittene Teams gehen spazieren. Dabei sprechen sie in Zweiergruppen über ihre Zusammenarbeit. Nach zehn Minuten wird der Gesprächspartner getauscht, so lange bis jeder mit jedem gesprochen hat. „Sie können gar nicht anders, als sich aussprechen und gegenseitig anhören“, sagt Heinle.

„Ich finde hier viele bekannte Themen - allerdings aus einem anderen Blickwinkel“, erklärt Robert Reiter, Führungskraft bei BMW mit über 40 Mitarbeitern. Er hat sich die drei Tage im Kloster Andechs von seinem Urlaub abgeknapst. „Sonst nimmt man sich ja nicht die Zeit, länger als eine Stunde über sich nachzudenken“, sagt der 35jährige.

Interessant für ihn war vor allem die moderne Interpretation der Benediktiner-Regeln. Sie hat ihm verdeutlicht, dass die Probleme, an denen er heute knabbert, Grundsatzfragen sind, mit denen sich die Menschen schon immer auseinander gesetzt haben. „Das relativiert die Dinge.“

Einen Vorsatz nimmt Robert Reiter mit aus dem Kloster. Nichts Spektakuläres, aber etwas sehr Wichtiges: Er will künftig mehr auf sich Acht geben. Pater Anselm darf zufrieden sein.

 ANDREA BITTELMEYER

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