Financial Times Deutschland, 3.6.2002

Belastende Doppelrolle

Aktuelle Studien belegen: Viele Männer kämpfen mit der Balance zwischen Beruf und Familie. Die wenigsten von ihnen treten im Job kürzer.

Mit dem ersten Kind ist sie meist schlagartig vorbei, die Idylle der jungen Partnerschaft: Die Mutter gibt ihren Job auf, wechselt Windeln und übernimmt den Haushalt. Der Vater stürzt sich in die Arbeit, um der Versorgerrolle nachzukommen.

Mit diesem Befund schließt sich die aktuelle LBS-Familienstudie, die im Juni als Buch veröffentlicht wird, nahtlos ähnlichen Untersuchungen an. Sie verdeutlicht jedoch auch: Unter der traditionellen Aufgabenverteilung leiden nicht nur gut ausgebildete Frauen, die ihr Glück nicht allein in der Kindererziehung sehen. Auch vielen Männern macht die Rolle des Feierabend-Vaters zu schaffen.

Für Professor Wassilios Fthenakis, der für die Studie sieben Jahre lang die Entwicklung von 175 Paaren beobachtet hat und überdies im Auftrag des Bundesfamilienministeriums das Thema erforscht, ist klar: "Zwei Drittel der Männer sehen sich nicht als Ernährer der Familie, sondern als Erzieher ihrer Kinder." Doch das bleibt oft ein schöner Traum: Kaum ist der Nachwuchs da, arbeiten Väter sogar mehr als vorher und haben kaum Zeit, sich intensiv um Sohn oder Tochter zu kümmern. Laut LBS-Studie steigt die durchschnittliche Arbeitszeit der Männer von knapp über 30 auf etwa 40 Stunden pro Woche an. Viele Führungskräfte verbringen womöglich noch wesentlich mehr Zeit im Büro.

Der wichtigste Grund: Nach wie vor lastet die finanzielle Verantwortung für die Familie auf den Vätern. Auf keinen Fall wollen sie ihren Job verlieren, oft möchten sie auf der Karriereleiter weiter nach oben kommen. Damit stehen sie - wie die Psychologen Claudia Quaiser-Pohl und Horst Nickel in einer aktuellen Studie schreiben - zunehmend unter Druck: "Durch eine überdurchschnittliche Leistungsorientierung in allen Lebensbereichen, im Beruf, der Vaterrolle und der Partnerschaft, setzen sich junge Väter anscheinend unter einen extremen Erfolgszwang."

Beziehungen belastet

Ein großer Teil von ihnen scheitert - zumindest, was die Partnerschaft betrifft. Sehr oft läutet das erste Kind das Ende der glücklichen Beziehung ein: 90 Prozent der für die LBS-Studie befragten Paare gaben an, dass sie weniger Zeit füreinander haben, jedes zweite Paar berichtet von Verstimmungen und Spannungen, mehr als 60 Prozent haben weniger Spaß im Bett. Bei Männern und Frauen klettern die Depressivitätswerte, die Auskunft über Niedergeschlagenheit und Unwohlsein geben, in bedenkliche Höhen. Die Zahl der Scheidungen spricht eine deutliche Sprache.

Dabei liegt die Lösung auf der Hand. "Paare, die sich Erwerbsarbeit und Kindererziehung teilen, kommen mit der Doppelbelastung am besten zurecht", sagt Fthenakis. In Angriff nehmen dieses Modell jedoch nur die wenigsten. Lediglich zehn Prozent der in der Studie befragten Väter mit einem Kind arbeiten in Teilzeit. Bei zwei Kindern fällt ihr Anteil sogar unter die durchschnittliche männliche Teilzeitquote von fünf Prozent.

Moderne Teilzeitregelungen

Inzwischen bemühen sich Unternehmen wie Lufthansa, Volkswagen und Telekom darum, Männern Teilzeitregelungen schmackhaft zu machen. Gemeinsam mit Bundesfamilienministerin Christine Bergmann werben ihre Vorstände unter anderem für die neue Elternzeit, nach der sich Mutter und Vater bei der Kindererziehung abwechseln können und dabei bis zu 30 Stunden pro Woche arbeiten dürfen. "Es setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass Teilzeitkräfte die produktiveren und kreativeren Mitarbeiter sind und dass ein glückliches Privatleben das berufliche Engagement fördert", berichtet Gisela Erler, Direktorin der "Europäischen Work-Life-Balance-Konferenz". Sie räumt indes ein: "Es gibt natürlich noch viele Vorbehalte auf Seiten der Vorgesetzten und Kollegen. Wichtig sind deshalb vor allem gute Vorbilder, die die Vorteile für beide Seiten nachvollziehbar belegen."

Die Hemmschwellen bei den Vätern lassen sich nach Ansicht von Stephan Becker am besten mit sanften Modellen überwinden. "Teilzeit bedeutet nicht zwangsläufig eine halbe Stelle", erläutert der Geschäftsführer von Beruf und Familie, einem Unternehmen der Hertie-Stiftung, die sich für eine familienbewusste Personalpolitik in den Unternehmen stark macht. Wer 80 oder 90 Prozent der Zeit arbeitet, müsse weniger um seine Karriere bangen, die finanziellen Einbußen hielten sich in Grenzen. Der Spielraum für die Familie wird dadurch größer. Das Schlagwort heißt "Vollzeit light". Bei den Berliner Wasserwerken heißt dies etwa, dass Mitarbeiter die Arbeitszeit um bis zu zehn Prozent reduzieren können.

Seminarangebote von VW

Ob derlei Angebote ausreichen, ist jedoch fraglich: "In Stress-Situationen neigen wir dazu, nach bekannten Mustern zu handeln", sagt Stephan Höyng, der sich in einem EU-Projekt mit dem Wandel der Arbeitswelt beschäftigt. Zudem seien diese sozial nach wie vor stärker erwünscht. So sähen etwa die Mütter der jungen Väter ihre Söhne lieber im Job als mit dem Nachwuchs auf dem Spielplatz. Höyng: "Sich dagegen zu stemmen, bedeutet einen ständigen Willensprozess."

Den unterstützt zum Beispiel Traudel Klitzke, Frauenbeauftragte bei Volkswagen. Der Wolfsburger Konzern bietet im Rahmen der betrieblichen Weiterbildung ein Seminar zur Work-Life-Balance für werdende Eltern an. Darin besprechen die Partner noch bevor das Kind ihr ganzes Leben umkrempelt, wie sie die Arbeit aufteilen werden und wie das Unternehmen ihnen dabei helfen kann.

Die Angst vor dem Karriereknick, der sich in den Gedanken vieler junger Paare wie ein Damoklesschwert manifestiert, will Klitzke relativieren: "Die Fähigkeiten, die Eltern bei der Kindererziehung erwerben, sind Schlüsselqualifikationen, die wir von unseren künftigen Führungskräften verlangen." Gefragt seien Organisationsgeschick, Teamfähigkeit und der souveräne Umgang mit kritischen Ereignissen - etwa wenn das Kind krank wird oder die Tagesmutter ausfällt.

Trotz der guten Argumente ist Work-Life-Balance-Expertin Gisela Erler sicher, dass die Entwicklung zum partnerschaftlichen Familienmodell Zeit braucht. Sie rät Vätern, die ihre Situation verändern wollen, über Alternativen nachzudenken und diese ihrem Vorgesetzten als konstruktiven Vorschlag zu unterbreiten. Ein erster Schritt kann schon die Ansage sein: "Freitags keine Besprechungen nach 16 Uhr. Dann hole ich meinen Sohn ab."

ANDREA BITTELMEYER

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