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Financial Times Deutschland, 8.3.2002 Vordenker der Neuen ArbeitPhilosophie-Professor Frithjof Bergmann ist mit seinen Thesen zum „New Work“-Konzept auf immerwährender Welttournee. Ende Februar stellte er sein Gedankenmodell dem Bund Junger Unternehmer vor. Frithjof Bergmann berühren die Arbeitsmarktdaten der jüngsten Zeit nicht besonders. Für den Philosophie-Professor von der University of Michigan in Ann Arbor, USA, steht ohnehin fest: „Die Vollbeschäftigung kommt nicht zurück“. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt werde sich weiter verschärfen. Bergmann: „Was heute hundert Roboter schaffen, schafft morgen einer. Alles, was mit Verwaltung zu tun hat, übernimmt der Computer. Viele Jobs in der Dienstleistungsbranche werden durch das Internet überflüssig.“ Das bestehende Modell der Erwerbsarbeit hat für ihn ausgedient. Diese Thesen, die Bergmann Ende Februar beim Hauptausschuss des Bundes Junger Unternehmen (BJU) längst nicht zum ersten Mal der Geschäftswelt präsentiert hat, sind für ihn nicht unbedingt negativ. Seiner Ansicht nach bedeuten sie eine Chance für eine neue und bessere Arbeits- und Lebenswelt. Das macht Bergmann vor allem in Zeiten von Massenentlassungen, Rezession und Ratlosigkeit zu einem viel beschäftigten Mann, dem Politiker, Unternehmen und soziale Institutionen in aller Welt zuhören. Bergmann fliegt von New York nach Kabul, kommt aus Dörfern in Indien nach Bremen. Das Konzept von Frithjof Bergmann heißt New Work, in Deutschland: Neue Arbeit. Es basiert auf der Idee einer neuen Beschäftigung, bei der die Menschen selbst entscheiden, was sie „wirklich wirklich“ (Bergmann) arbeiten wollen. „Wir leiden an dem, was der Philosoph Hegel die Armut der Begierde nannte“, so Bergmann. Gemeint ist die Unfähigkeit, eigene Wünsche zu äußern und Pläne zu realisieren. „Arbeit gibt es genug. Wir machen mit unserm Jobsystem nur den Zugang zu ihr viel zu klein“, sagt der Zukunftsdenker, der mit neunzehn Jahren aus einem kleinen Dorf in Österreich in die USA auswanderte, als Fließbandarbeiter jobbte, Theaterstücke schrieb, für Geld boxte und schließlich die akademische Laufbahn einschlug. Als Philosophie-Professor in Ann Arbor entwickelte Bergmann in den 80er Jahren, zu Zeiten der Automobilkrise in den USA, mit General Motors ein neues Arbeitsmodell. In dem GM-Werk in Flint wurde Teilzeitarbeit eingeführt, ein halbes Jahr stand die eine, ein halbes Jahr die andere Hälfte der Belegschaft am Fließband. Zusätzlich erhielten die Arbeiter in einem eigens dafür eingerichteten Zentrum für Neue Arbeit die Möglichkeit, sich neue Beschäftigungsfelder zu suchen und sich mit ihren eigenen Ideen selbstständig zu machen. Die drohenden Massenentlassungen, die das Unternehmen sehr viel mehr Geld gekostet hätten, konnten auf diese Weise abgewendet werden. Frithjof Bergmann glaubt fest daran, dass Firmen nicht nur in Krisenzeiten, sondern auch langfristig von seinen Ideen profitieren können. „Mit Zentren für Neue Arbeit können gute Mitarbeiter gehalten, zu eigenständigen kreativen Leistungen angespornt und motiviert werden“, schwärmt der Visionär. 1997 hat er Bernd Behrens überzeugt. Seit drei Jahren finanziert der Auto-Händler in Kassel ein Zentrum für Neue Arbeit. Aus diesem sind bereits 40 Existenzgründungen hervorgegangen. Behrens hält dieses Engagement auch für eine unternehmerische Investition. „Ich bekomme Impulse zurück. Meine Mitarbeiter setzen sich mit neuen Ideen auseinander. Wir diskutieren darüber“, sagt der Unternehmer. Eine weitere Säule der Neuen Arbeit, die die Menschen von den Zwängen des Jobsystems befreien soll, ist das „ High-Tech-Self-Providing“ - die Selbstversorgung auf hohem technischen Niveau. Laut Bergmann sind die Möglichkeiten gegeben, sich fern von Holz hacken und Gemüse anbauen, intelligent selbst zu versorgen. „Mit Hilfe von Computern lassen sich in naher Zukunft Kleider und Schuhe nach eigenen Vorstellungen anfertigen“, schwärmt der geradezu revolutionären Form der Eigenarbeit, die Ressourcen sparen und eine erfüllende Beschäftigung neben der Erwerbsarbeit bedeuten kann. Bergmann geht mit gutem Beispiel voran. In den USA ist er an der Entwicklung eines Autos beteiligt, das sich die Menschen in kleinen Shops selbst zusammenbauen. Auf Modellzeichnungen sieht es aus wie eine Mischung aus Porsche und Ferrari. Doch soll das Selfmade-Fahrzeug viel günstiger in der Anschaffung und im Unterhalt sein. Der neue Antrieb zur Selbstversorgung entstehe zwar häufig aus der Notwendigkeit heraus, glaubt Bergmann, er werde aber vielen mehr und mehr auch zum Bedürfnis. Deutliche Anzeichen dafür sieht der Arbeitsphilosoph im Silicon Valley: „Unternehmer, die mit Internetfirmen Millionen verdient haben und dann gescheitert sind, denken über ein neues Leben nach“, berichtet er. „Sie planen, in Zukunft weniger zu arbeiten, ihre großen Villen zu verkaufen und gemeinschaftlich in großen Apartmenthäusern zu leben.“ Die Ideen der einstigen High-Tech-Unternehmer gingen sogar so weit, dass sie sich am Rande der Wüste von Nevada selbst mit Energie versorgen möchten. Große Möglichkeiten sieht Bergmann für die Neue Arbeit in den Entwicklungsländern. Hier gelte es, die Menschen zu befähigen, Energie selbst zu gewinnen und ihre Grundversorgung zu sichern. Angesprochen sind neben Unternehmen, die die Technik, Werkzeuge und Know-how bereit stellen können, Institutionen wie die Weltbank und internationale NGO´s. Bergmann glaubt auch in Deutschland nicht allein, dass dieser Weg in die Zukunft weist: „Ich sehe Perspektiven für die Umwelt- und Technologiebranche“, sagt Thomas Köbberling, Geschäftsführer der Hessischen Technologie Stiftung. Er will Unternehmen in Workshops zu diesem Thema mit Forschungsinstituten vernetzen. Die Berliner Designerin und Trendforscherin Lola Güldenberg arbeitet an der visuellen Umsetzung von New Work. Geplant ist eine Ausstellung im Vitra Design Museum. Aufmerksamkeit verdienen Bergmanns Gedanken. In vielen Facetten unterstreichen sie die Zeichen der Zeit: Unternehmen arbeiten bereits an Alternativen zur Entlassung und bieten wie Siemens oder die Unternehmensberatung Accenture ihren Mitarbeitern teilweise bezahlte Auszeiten an. Firmen beziehen den Konsumenten über individuell zusammenstellbare Produkte bereits in die Produktion ein. Nachhaltigkeit in der Wirtschaft und Fragen der Ethik spielen eine immer wichtigere Rolle. Dr. Christoph Zschocke, BJU-Bundesvorsitzender und geschäftsführender Gesellschafter der Ökotec Management GmbH, hatte seine eigene Vision auch bereits, bevor er auf Bergmann traf: Er will in einem Projekt Jugendliche in Afrika im Umgang mit Solartechnik und Trinkwasseraufbereitung schulen. Und mit ihnen Unternehmen gründen. ANDREA BITTELMEYER
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