changeX, 18.03.2002

Alles nur Show?

Ein Bericht über Corporate Volunteering in Deutschland.

Im Ausland Kinder ausbeuten und hierzulande mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten Ball spielen? Wie geht das zusammen? Eigentlich wäre Corporate Volunteering eine feine Sache. Und jeder müsste sich freuen, dass der soziale Gedanke aus den USA nun auch hier seine Kreise zieht. Doch leider stehen die Unternehmen zum Teil international am Pranger - und ihr Engagement erscheint als perfide Marketingstrategie. Wir finden: Der Vorwurf greift zu kurz. Corporate Volunteering ist Zivildienst für alle.

"Dieser Mann schlägt Kinder", steht auf einem Gemeinschaftsplakat der Unternehmen ProSiebenSat1 Media AG, McKinsey & Company, Deutsche Post, Gerling und DaimlerChrysler. Und die finden das auch noch eine "gute Idee". Denn: Der Mann ist Ex-Box-Profi und trainiert kostenlos arbeitslose Jugendliche, damit sie ihre Aggressionen abbauen können. Mit der aufmerksamkeitsstarken Kampagne, die sich die Hamburger Werbeagentur Springer & Jacobi für den guten Zweck kostenlos ausgedacht hat, machen die fünf großen Unternehmen auf ihr soziales Engagement aufmerksam. Sie haben 2001, dem internationalen Jahr des Ehrenamtes, den Wettbewerb "startsocial" gestartet. Ausgezeichnet wurden die besten Ideen zur Lösung sozialer Probleme. Preisträger waren unter anderem eine Altenbegegnungsstätte, ein Kinderhospiz und eine Obdachlosen-Initiative.

Startsocial bedeutet für die Firmen natürlich Image-Werbung. Es ist aber auch eines der hierzulande noch recht seltenen Projekte, die eine neue Form des gesellschaftlichen Engagements von Wirtschaftsunternehmen beinhaltet: den Einsatz der Beschäftigten in sozialen Einrichtungen. Die Unternehmen stifteten nicht nur Preisgelder in Höhe von 30.000 Euro. Sie legten zudem ihren Mitarbeitern nahe, sich während ihrer Arbeitszeit in die sozialen Projekte einzubringen - als Kommunikationsberater, Coaches oder Juroren. Die Folge: ein Austausch zwischen Unternehmen und sozialen Institutionen.

Vorbild USA.

Laut Julian Geist, Leiter Corporate Sponsoring bei der ProSiebenSat1 Media AG, verstehen sich die an startsocial beteiligten Firmen auch als Botschafter für diese Form des sozialen Engagements, das als so genanntes Corporate Volunteering in den USA bereits in den 80er Jahren Einzug gehalten hat: Die Mitarbeiter von General Motors, Ford, Cisco Systems oder Microsoft werden von ihren Arbeitgebern schon lange zu ehrenamtlichem Engagement aufgefordert und dabei in Form von Freistellung, Kostenerstattung, Bereitstellung von Räumen oder Computern unterstützt. Das Motto: "Ein gesundes Unternehmen und ein gesundes Umfeld verstärken sich", oder wie es der ehemalige Chef von GM, Charles Wilson, formulierte: "Was gut für GM ist, ist auch gut für den Staat - und was gut für den Staat ist, ist auch gut für GM." Die klassische amerikanische Win-Win-Situation also, der in Deutschland meist noch Spendenzahlungen aus moralischem Pflichtbewusstsein gegenüberstehen.

In Deutschland hat sich der Elektronik-Konzern ABB bereits von den amerikanischen Kollegen anstecken lassen. Die Firma wurde Hauptsponsor der Special Olympics, der Olympiade für geistig behinderte Menschen: Im vergangenen Winter standen 70 ABB-Mitarbeiter am Loipenrand und feuerten die Sportler an, zeigten ihnen beim Abfahrtslauf die richtige Reihenfolge der Tore und bremsten diejenigen, die über die Ziellinie hinausschossen. Die ABB-Mitarbeiter - unter ihnen Geschäftsführer, Betriebsräte und Auszubildende - hatten sich auf Anregung ihres Unternehmens als freiwillige Helfer gemeldet. Für das Ereignis im Bayerischen Wald haben sie sich zwei Tage Urlaub genommen, ABB hat ihnen die Fahrt bezahlt.

Neue Bodenhaftung.

Gewinner gab es bei den Special Olympics viele. Rolf Schweizer, Geschäftsführer bei der ABB-Turbolader GmbH, übergab nach den Wettkämpfen jedem Teilnehmer unabhängig von seiner Platzierung eine Medaille. "Die Menschen haben sich sehr gefreut, einmal im Mittelpunkt zu stehen. Es war ein schönes Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun", sagt der freiwillige Helfer. Berührungsängste kamen bei ihm nicht auf: "Diese Menschen sind in vieler Hinsicht normal. Sie sind vorurteilsfrei und haben keine Hemmungen. Wenn sie sich freuen, fallen sie einem um den Hals." Aber Schweizer spricht auch von einer "neuen Bodenhaftung", die ihm die drei Tage im Bayerischen Wald gebracht haben: "Wenn man sieht, wie viele einfache Dinge für diese Menschen nicht selbstverständlich sind, werden die eigenen Alltagsprobleme sehr viel kleiner."

Machen Mitarbeiter solche Erfahrungen, profitiert auch das Unternehmen. Das verdeutlicht vor allem das Projekt "SeitenWechsel", das in Hamburg nach schweizerischem Vorbild seit einem Jahr von der Patriotischen Gesellschaft angeboten wird. Hier zahlen Unternehmen wie Beiersdorf, BMW, DaimlerChrysler und Unilever 1.500 Euro dafür, dass ihre Führungskräfte eine Woche lang in Sterbehospizen, Drogenentzugsabteilungen oder Suppenküchen arbeiten und mit krebskranken, süchtigen oder sterbenden Menschen zusammenleben. Der Grund: Diese Erfahrung fördert alle Facetten menschlich kompetenten Verhaltens: sensible Wahrnehmung, Kommunikationsfähigkeit, Improvisationsgeschick und Flexibilität.

Tod und Krankheit.

"Das erste Mal war sehr schwierig", sagt Torsten Schümann, Manager bei DaimlerChrysler. Er wurde bei seiner Arbeitswoche im Aidshospiz Hamburger Leuchtfeuer mit Tod und Krankheit konfrontiert. Er wusch und wickelte alte Menschen, die nur noch Haut und Knochen waren, las ihnen stundenlang Geschichten vor. Eine Hospizbewohnerin, die er betreut hat, starb an seinem letzten Tag. Wie alle "SeitenWechsler" spricht Schümann von einer einschneidenden Erfahrung, die auch seinen Alltag im Unternehmen beeinflussen wird. "In Zukunft werde ich mit den persönlichen Problemen meiner Mitarbeiter unbefangener umgehen", sagt der Leiter der IT-Abteilung des DaimlerChrysler-Werkes in Hamburg. Auf ähnliche Effekte können Firmen bei Corporate Volunteering-Projekten bauen. Diese stärken zudem noch das Teamgefühl. "Da standen wir in unseren roten Pullovern und freuten uns miteinander. Es tat gut, den Mitarbeitern als ganz normaler Mensch zu begegnen. Das gemeinsame Engagement verbindet", erklärt Rolf Schweizer.

Ein engagierter Beobachter und Förderer von Corporate Volunteering ist Dieter Schöffmann. Der Kölner Kommunikationsberater hat für die Körber-Stiftung eine Machbarkeitsstudie durchgeführt und einen Ratgeber für Unternehmen geschrieben (Wenn alle gewinnen, Körber-Stiftung 2001). Darin macht er deutlich, dass Corporate Volunteering auf deutsche Verhältnisse übertragbar ist. Die Indizien dafür: Immer mehr Unternehmen in Deutschland - von Henkel bis zur Deutschen Bahn - setzen auf das soziale Engagement ihrer Mitarbeiter. Der Erwartungsdruck von Seiten der Politik, von europäischen und deutschen Konsumenten sowie der eigenen Mitarbeiter verstärkt sich. Und das nicht zuletzt, weil Unternehmen, die den Regenwald abholzen oder die billige Arbeitskraft von Kindern in den Entwicklungsländern ausnutzen, immer häufiger ein Thema in der Öffentlichkeit werden. Bücher wie No Logo von Naomi Klein oder Das Schwarzbuch der Markenfirmen von Klaus Werner und Hans Weiss ziehen ihre Kreise.

Typisch deutsches Totschlagargument.

Damit stößt Corporate Volunteering in ein enormes Spannungsfeld. Sehr deutlich wird dies am Beispiel Niketown Berlin. Bei dem Unternehmen, das dafür bekannt ist, Kinder in so genannten Sweatshops für Hungerlöhne Turnschuhe anfertigen zu lassen, werden 16 Mitarbeiter für wöchentlich 2,5 Stunden freigestellt. In dieser Zeit spielen sie als Trainer mit Jugendlichen aus den sozialen Brennpunkten Berlins Fußball oder Basketball. Den Vorwurf, dass Unternehmen mit solchen Projekten lediglich ihr beschädigtes Image aufpolieren, kennt Elmar Kirsch, Mitinitiator des Corporate Volunteering-Projekts bei Niketown sehr gut. "Das ist jedoch für mich kein Grund, die Augen zu verschließen und gar nichts zu tun", sagt er. Schützenhilfe bekommt Kirsch von Dieter Schöffmann: "Es ist alles zu unterstützen, was konkret hilft." Aber er räumt ein: "Bei einem Unternehmen, das gezielt versucht, mit Corporate Volunteering schwer wiegende Fehler an anderer Stelle zu vertuschen, wird der Schuss nach hinten losgehen." Die Mitarbeiter würden sich dazu auch nicht missbrauchen lassen, Konsumenten ein solches Verhalten zunehmend abstrafen.

Das Engagement der Unternehmen ist weder uneigennützig, noch ändert es allein die Mechanismen des Kapitalismus. Trotzdem: Der Vorwurf "Alles nur Show" greift zu kurz und ist ein typisch deutsches Totschlagargument. Das Engagement der Unternehmen hierzulande muss honoriert werden - ohne gleich aus dem Häuschen zu fahren. Seit Jahren halten Zivildienstleistende das deutsche Sozialsystem am Laufen. Außer einem Schulterklopfen alle heiligen Zeiten gibt es keinen Dank. Corporate Volunteering ist Zivildienst für alle - und sollte für moderne Unternehmen eine Selbstverständlichkeit sein.

Die meisten Firmen und Mitarbeiter, die den Schritt einmal gewagt haben, machen weiter. So wollen sich 70 Prozent der Teilnehmer des SeitenWechsel-Projekts in der Schweiz auch in Zukunft sozial engagieren. Die ABB-Mitarbeiter bereiten sich auf die Special Olympics 2002 vor. Und die öffentlichkeitswirksame Kampagne startsocial von ProSiebenSat1 & Co geht 2002 in die zweite Runde. Mit von der Partie: Vorjahres-Schirmherr Gerhard Schröder.

ANDREA BITTELMEYER

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